"DER STANDARD"-Kommentar: "Jetzt geht die Post ab, endlich" von Luise Ungerboeck

Der Post-Börsengang ist riskant, aber besser als ein Verkauf an die Deutsche Post - Ausgabe vom 12.1.2006

Wien (OTS) - Der Vorwurf, sie sei beim Verkauf von Staatsbeteiligungen von Ayatollah-Ideologie geleitet, die selbst Veräußerungen unter dem Bestpreis in Kauf nehme, um das Familiensilber los zu werden, ist der Regierung auch bei der Teilprivatisierung der Post sicher.
Im Prinzip müsste die SPÖ der schwarz-orangen Koalition aber dankbar sein, denn mit dem Verkauf der halben Post über die Börse lässt sich in den nächsten Monaten öffentliche Erregung am laufenden Band programmieren. Schließlich lässt es kaum einen Staatsbürger kalt, wenn wieder einmal ein Postamt geschlossen, das Briefporto erhöht oder der Weg zur Paketabholung erheblich verlängert wird. Damit müssten sich eigentlich hervorragend Stimmen keilen lassen.
Aus Regierungssicht ist das erste Halbjahr 2006 freilich der letztmögliche Zeitpunkt, um die Aktien des gelben Riesen zu platzieren. Reifer wird die Zeit nicht; nicht nur wegen der Nationalratswahlen im Herbst: Je näher diese rücken, desto innenpolitisch heikler wird es. Besser als ein Verkauf an die Deutsche Post ist die Börse allemal, denn Briefe austragen können die Österreicher alleine auch.
Auch das wirtschaftliche Umfeld wird sich nicht rasend verbessern, denn 2009 wird der Postmarkt in der EU vollständig liberalisiert. Dann fällt auch das letzte Monopol - und das wird die Österreicher hart treffen, lukrieren sie im geschützten Briefsektor doch mehr als die Hälfte ihres Umsatzes. Der schrumpft jährlich, hat also noch Spielraum auf der nach unten offenen Marktanteilsverlustskala.
Allzu große Ertragshoffnungen sollten präsumtive Postaktionäre übrigens auch nicht in die heilige Ostfantasie setzen. Denn die besteht mit üppigen zwei Prozent des Umsatzes derzeit fast nur aus Fantasie.
Bleibt als Börsenstory also nur der riskante Kauf des Paketlogistikers Transoflex, den die fette Renditen abwerfende Deutsche Post jüngst abgestoßen hat. Gelingt der Deal, würde die Post mit einem Schlag zu einem Logistikkonzern - allerdings im heiß umkämpften deutschen Markt und nicht im Osten. Die Kriegskasse wäre dann leer und das gleichfalls riskante Geschäft am Balkan mit Schulden oder Kapitalerhöhungen zu finanzieren.
Vor diesem Hintergrund müssen sich Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Finanzminister Karl-Heinz Grasser mehrere Vorwürfe gefallen lassen: Sie haben aus der total vermurksten Voest- Privatisierung wenig gelernt. Denn die Voest wurde in den Landtagswahlkampf so hineinprivatisiert, dass die öffentliche Aufregung nur mit einem Vorkaufsrecht des Landes für die an österreichische Banken verklopften Stahlaktien planiert werden konnte - eine österreichische Lösung, die bei der Post wohl nicht mehr zu unterbieten sein dürfte. Vom postalischen Börsengang im Juni können sich die p.t. Wähler wenigstens über den Sommer wieder abregen und dann noch gelbe Volksaktionäre werden.
Zweitens bekommt die Post beim Börsengang kein Geld für die Expansion. Im Gegenteil, unmittelbar vor dem Initial Public Offering genehmigt sich der Finanzminister mindestens 36 Millionen Euro Dividende. Gleiches wurde ihm vorab für das Wirtschaftsjahr 2006 versprochen.
Drittens ist die Argumentation, der Börsengang bringe der Post nur Chancen und schaffe eine Super-Volksaktie, nicht konsistent. Denn die Investoren werden den Kostendruck erhöhen und die Post wird mit einem Beamtenanteil von 60 Prozent ihre liebe Not haben, die Renditevorgaben zu erfüllen. Dass die Garantie, keine weiteren Postämter zu schließen, bereits 2008 endet, wird die Aktionäre beruhigen, die Postkunden nicht.
Viertens bleibt die Post auch nach der Privatisierung fest in Staatshand, denn die ÖIAG darf maximal 49 Prozent verkaufen. Für eine echte Privatisierung fehlt dem gern von liberaler Wirtschaftspolitik träumenden Vorstand der "Österreich AG" offenbar der Mut. Dabei kann auch ein Minderheitsaktionär Postenbesetzungen durchpeitschen, und um die geht es letztlich ja. Das wird in der Telekom gerade vorexerziert.

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