Willkommen/Dobrodosli im 21. Jahrhundert!

"Presse"-Leitartikel von Oliver Pink

Wien (OTS) - Was spricht heute noch gegen zweisprachige
Ortstafeln? Gar nichts. Nicht einmal die Kärntner Landesgeschichte.

Auch nicht wirklich mutig. Kärntens SPÖ-Chefin Gaby Schaunig möchte ein "Moratorium" in der Ortstafelfrage. Soll heißen: Halten wir die Sache aus dem Nationalratswahlkampf heraus und lösen wir das Problem danach. Der Hintergedanke: Jörg Haider hätte kein aufwühlendes Kampagnen-Thema mehr, und sich selbst hätte die SPÖ wieder einmal den Offenbarungseid erspart, ob sie nun tatsächlich weitere zweisprachige Ortstafeln will.
Das Thema war auch für die Sozialdemokratie stets heikel. Und zwar so sehr, dass man lieber die Finger davon ließ - seit SP-Landeshauptmann Hans Sima 1973 nach dem "Ortstafelsturm" zurücktreten musste.
Nun soll die Ortstafelfrage in den Gemeinden gelöst werden. Und da kann sich die SPÖ nur schwer davonstehlen. Denn die Bürgermeister der zehn hauptbetroffenen Kommunen sind allesamt Sozialdemokraten. Diese werden sich am Freitag im Bundeskanzleramt in Wien einfinden, um mit Wolfgang Schüssel und Jörg Haider über das weitere Vorgehen zu beraten.
Der Vorschlag, der auf dem Tisch liegt, klingt fürs Erste recht vernünftig: In Orten mit über 15 Prozent gemischtsprachiger Bevölkerung (sofern die gesamte Gemeinde über zehn Prozent hat) sollen zweisprachige Tafeln aufgestellt werden. Zwei von drei Slowenen-Organisationen sind - eher - dafür: der linke Zentralverband und die Gemeinschaft der Slowenen, die sich vom Rat der Kärntner Slowenen abgespalten hat. Der Rat, traditionell christlich-konservativ, ist klar dagegen - und tut sich und der Volksgruppe damit nichts Gutes.
Dubios ist wieder einmal die Rolle Jörg Haiders. Einerseits ist er für den Kompromiss - allerdings nur im Paket mit Förderungen für Deutsch-Kärntner Vereine. Andererseits wird man den Eindruck nicht los, dass er die Ortstafeln tatsächlich als Wahlkampf-Atout missbrauchen möchte. Jüngster Beweis: die von ihm in Auftrag gegebene Privatumfrage in Südkärntner Haushalten über Schüssels Ortstafel-Offert.
Haiders Kalkül: Gibt er den Hardliner, kann er die Strache-FPÖ im Wahlkreis Kärnten-Ost (wo der Ortstafelstreit am heftigsten tobt) auf Distanz halten und ebendort dem BZÖ das Nationalrats-Grundmandat sichern. Die dafür nötigen knapp 30 Prozent sollten sich machen lassen.
Doch wieso kann man in Kärnten mit dem Ortstafel-Thema überhaupt noch Emotionen schüren und diese dann für Wahlkämpfe nützen?
Oder anders gefragt - und auf das Wesentliche reduziert: Wozu brauchen die Kärntner Slowenen eigentlich unbedingt zweisprachige Ortstafeln? Und was genau stört manche Deutsch-Kärntner daran?
An und für sich sind Ortstafeln ja von geringem praktischen Wert. Selbstverständlich bringt jeder zweisprachige Kindergarten der Volksgruppe mehr als zehn neue Tafeln mit slowenischer Aufschrift. Doch es geht um die durch die Schilder ausgewiesene Bestätigung, dass man in der Heimat seinen angestammten, berechtigten Platz hat. Und dass man nicht nur eine geduldete, oft scheel angesehene Minderheit ist.
Man soll ja nicht zu weit in die Geschichte zurückgreifen: Aber es ist nun einmal ein historisches Faktum, dass das Land im 7. und 8. Jahrhundert das Zentrum des slawischen Fürstentums Karantanien war. Ehe die Bayern kamen.

Historisch argumentieren auch die Ortstafel-Gegner. Die zweisprachigen Schilder würden jenes gemischtsprachige Gebiet abstecken, auf welches die Slawen südlich der Karawanken Anspruch erheben könnten. Dass diese Angst zu Zeiten des kommunistischen Tito-Jugoslawien zumindest nicht ganz unbegründet war, wird keiner ernsthaft bestreiten. Doch bereits während des slowenischen Unabhängigkeitskrieges 1991 ist auch unter der Kärntner Mehrheitsbevölkerung die Stimmung zu Gunsten des slowenischen Nachbarn gekippt. Der damalige Kopf der slowenischen Befreiungsbewegung, Janez Jansa, wurde von vielen Kärntnern sogar bewundert.
Jansa ist heute Ministerpräsident. Und Slowenien ist seit 1. Mai 2004 Mitglied der EU. Die Kärntner fahren zum Einkaufen, Essen oder Urlauben in Kolonnen über die Südgrenze. Ohne Berührungsängste. Und wer bitte soll denn den Gebietsanspruch auf Südkärnten durchsetzen? Die Armee des EU-Landes Slowenien? Absurd.
Österreich ist EU-Präsident. Es wäre also hoch an der Zeit: nicht nur für eine Geste, sondern für die selbstverständliche Umsetzung des Staatsvertrages von 1955, der uns Freiheit und Wohlstand gebracht hat. Man muss sich nur trauen. Ob man nun Schüssel, Schaunig oder Haider heißt.
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