"Kleine Zeitung" Kommentar: "'Europäisches Lebensmodell' - ein Produkt aus der Traumfabrik" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 10.01.2006

Graz (OTS) - Die Herrschaft über Begriffe verschafft auch die Herrschaft über die Hirne und - manchmal vielleicht - die Herzen. Wolfgang Schüssel weiß das und lässt daher seine Mitarbeiter gerne an Wortprägungen basteln, mit denen die politische Debatte geprägt werden soll.

Ein bekanntes Beispiel war das ominöse "Gedankenjahr", zu dem das Gedenkjahr 2005 aufgeblasen wurde. Zwar wurden aus dem Anlass kaum neue Gedanken geboren, sondern bestenfalls abgestandene Kontroversen über die Nachkriegsgeschichte aufgewärmt, das Wort setzte sich aber so durch, dass selbst die Kritiker des Kanzlers es in ihren Polemiken ständig verwendeten.

Als sie noch Schüssels Kabinettschefin war, begriff Ursula Plassnik schnell, dass es ein Teil ihrer Aufgabe ist, den Chef mit solchen Formeln zu versorgen. Als Außenministerin blieb sie der Gewohnheit treu und brütet weiter neue Begriffe aus, mit denen die komplizierte politische Wirklichkeit in eingängige Wendungen gepresst werden soll.

Eine dieser Schöpfungen aus der Denkwerkstatt der Ministerin ist das "europäische Lebensmodell", das gestern beim Auftakt der österreichischen EU-Präsidentschaft wieder einmal beschworen wurde. Was mit dem Wort eigentlich gemeint ist, erfährt man, wenn es englisch gebraucht wird. Da heißt es dann nämlich "european way of life".

Wer hörte da nicht die Spitze und zugleich den neidvollen Anklang an den "american way of life" heraus? Den glaubt jeder Europäer aus den vielfältigen, auch in Europa sehr beliebten Produkten der amerikanischen Unterhaltungsindustrie zu kennen. Trotz des modischen Antiamerikanismus übt er auf jede neue Generation von Europäern seine Faszination aus.

Ein wirklicher europäischer Gegenentwurf zum amerikanischen Modell existiert nicht, jedenfalls nicht im gesamten EU-Europa. Großbritannien und die jungen Demokratien in Osteuropa neigen eher dem kompetitiven System der USA zu, die alten Staaten des "alten" Zentrums, Deutschland Frankreich und Italien, setzen auf Regulierung, sind aber damit gerade bei der größten Sorge der Europäer, der Schaffung von Arbeit, erfolglos.

Europa will zurecht nicht von seinen Systemen der sozialen Sicherung lassen. Aber diese können nur durch größeres Wachstum der Wirtschaft und auch demographisches Wachstum erhalten werden. Beide sind Funktionen von Zuversicht und Lebensbejahung - und die sind nicht sehr stark in Europa.

Wer träumt schon den "european dream"? ****

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