WirtschaftsBlatt Kommentar vom 10.1.2006: Gerechtigkeit ist keine Kategorie am Finanzmarkt - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Es sollte ein kraftvoller Schlussstrich sein und ein Neuanfang: Kein langes Führungsvakuum, sondern eine schnelle Bestellung Ewald Nowotnys als Nachfolger des wegen der Refco-Affäre zurückgetretenen Bawag-Generaldirektors Johann Zwettler. Dazu eine klare Ansage des neuen Chefs: Rückzug aus Amerika, keine riskanten Übersee-Geschäfte mehr. Bei einem Computer heisst das schlicht "Neustart".
Knapp acht Tage hat die Schonfrist im neuen Job gedauert, am neunten Tag hat der amerikanische Bawag-Albtraum Ewald Nowotny bereits eingeholt. Das Magazin profil enthüllt, dass ein von der Bawag vertriebener Dach-Hedgefonds durch die Refco-Affäre in Schwierigkeiten steckt und Anlegergelder derzeit nicht ausgezahlt werden. Grund: Die Gelder sind auf Anordnung eines US-Richters vorläufig eingefroren.
Kundengelder sind nicht betroffen - gebetsmühlenartig hatte der Bawag-Vorstand dieser Satz immer und immer wiederholt. Kein Grund zur Panik, alles unter Kontrolle, so lautete die Botschaft. Daran darf man nunmehr zweifeln.
Zwar hat sich die Bawag bereit erklärt, Fondsanteile auf eigene Rechnung zurück zu kaufen. Die Anleger haben also keinen Schaden und können - auf Kosten der Bawag - aus dem Fonds aussteigen. Das ist anständig und zeigt, dass die Verantwortlichen aus ihrem amateurhaften Umgang mit der Refco-Krise gelernt haben.
Doch das Schadloshalten der Bawag-Kunden ist eine Sache, der Imageschaden eine andere. Denn wieder einmal hat die Realität die Aussagen der Bawag überholt. Das kann Pech sein, verheerend ist die Wirkung auf alle Fälle.
Denn die Bawag hatte sich mit ihrem "SPhinX"-Fonds gerade auch an Privatanleger gewandt und ausdrücklich auf die geringe Schwankung, also das geringe Risiko, hingewiesen. Und da kann man jetzt schon fast Mitleid bekommen mit den Bawag-Bankern. Denn unter normalen Umständen sind Dachfonds eine ziemlich sichere Bank, da sie in eine Vielzahl einzelner Fonds investieren, was das Risiko erheblich minimiert. Dass auch ein solches Investment schiefgehen kann, hat Seltenheitswert und trifft die Bawag unverschuldet. Doch Gerechtigkeit ist an den Finanzmärkten keine Kategorie. Und wer einmal beim Mogeln erwischt worden ist, muss halt besonders darauf achten, nur Aussagen zu treffen und Versprechungen zu machen, die wirklich halten. Das lernt jeder Schüler. Und jetzt wohl auch das Bawag-Management.

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