"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Kehraus im Elfenbeinturm und die neuen Kulturpolitiker" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 09.01.2006

Graz (OTS) - Die (Kultur-)Welt hat sich verändert, seit Zlatko Trpkovski ein Teil von ihr geworden ist. Im Frühjahr 2000 war der damals 24-jährige Automechaniker aus dem schwäbischen Nest Nattheim aus dem (damals ersten) "Big Brother"-Container gewählt worden. Er verließ ihn nicht als Sieger und wurde dennoch ein Held. Sein Trumpf:
radikales Nichtwissen.

Zladdi äußerte sich vorzugsweise in Drei-Wort-Sätzen. Er bestand mannhaft darauf, weder von William Shakespeare noch vom deutschen Sangesstar Marius Müller-Westernhagen je gehört zu haben. (Nach Mozart wurde er nicht gefragt.)

Seine jugendlichen Fans tauften ihn "The Brain" und bewiesen damit die nötige Ironie. Ganz anders das Feuilleton: Der Simpelstrick wurde plötzlich Objekt grenzwissenschaftlicher Befassung. Nach ihm zogen dann Schlagerfuzzis wie Guildo Horn oder Streithennen wie Regina Zindler ("Maschendraohtzaon") auf den Kulturseiten ein. Es schien, als hätte man erleichtert Abschied genommen von den Widrigkeiten klassischer Kunst und Kultur. Endlich durfte jener Trash dominieren, als dessen Konsumenten man die Mehrheit der Leser längst in Verdacht hatte. - Kehraus im Elfenbeinturm.

Parallel dazu kam der Paradigmenwechsel in der Kunst selbst: Das lässige "anything goes" der Postmoderne wich einem aufgeregten "everybody goes" des Eventzeitalters. Der nachdenkliche, womöglich auch kundige Kunstinteressent wurde unter dem Getöse der Beifallsgesellschaft begraben.

Womit wir bei der Politik wären. Es soll ja Zeiten gegeben haben, in denen Kulturpolitik Trends gestaltete, Wege vorgab. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt.

Nachdem man Viktor Klimas Unglücksraben Peter Wittmann noch für einen Ausrutscher gehalten hatte, setzte in Kärnten Jörg Haider erste Maßstäbe: Brauchtum und Event wurden die Säulen des lokalen Kulturlebens. Wobei die Wörtherseebühne weniger Säule als Fallgrube ist.

Auch in der Steiermark, der zwei engagierte Kulturmenschen (Alfred Stingl und Helmut Strobl) 2003 mit Graz eine Kulturhauptstadt Europas beschert hatten, setzte man auf kulturelle Freiberufler: Ein Sozialpolitiker im Land, ein Sicherheitsexperte in der Stadt verwalten ab nun die Kultur. Beide sind so frisch im Amt, dass jede Kritik ein echter Vor-Wurf wäre. Beide aber stehen für den Trend, just Kunst- und Kulturpolitik mit echten Laien zu besetzen.

Aber wenn alles Kultur, wenn alles Kunst ist, dann kann auch jeder darüber entscheiden.

Ist doch irgendwie logisch. ****

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