WirtschaftsBlatt Kommentar vom 7.1.2006: Atomenergie: Österreich muss auf Kurs bleiben - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Die Österreicher reagieren besonders sensibel auf derartige Meldungen: Ein merkwürdiger Zwischenfall in einem schottischen Atomkraftwerk, der kürzlich registriert wurde, oder die Explosion in einer Metallhütte auf dem Gelände eines Atomkraftwerks bei St. Petersburg - das reicht beinahe ebenso für eine österreichweite Panik wie das einschlägige Schreckgespenst im südböhmischen Temelin, das hier zu Lande immer wieder Ängste schürt. Eine Horrormeldung der ganz anderen Art kommt von Seiten der EU: Im Zuge des jüngsten Gas-Konflikts sind Indizien wahrzunehmen, dass Brüssel verstärkt auf den Ausbau der Atomenergie setzen möchte. Die Begeisterung, mit der EU-Energiekommissar Andris Piebalgs neuerdings über Kernkraftwerke spricht, muss die rot-weiss-rote Republik schwer verunsichern. In Deutschland wird das von Rot-Grün beschlossene Atomausstiegs-Szenario gerade aufgeweicht. Wirtschaftsminister Michael Glos tritt für eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken ein. In Grossbritannien hat Tony Blair angekündigt, dass man im Rahmen einer neuen Energiestrategie auch die Errichtung neuer Atommeiler überlegen müsse. Finnland gab voriges Jahr den Startschuss für ein AKW, europaweit das erste seit einem Jahrzehnt. In Frankreich ist ebenfalls der Beschluss gefallen, einen weiteren Reaktor ins Rennen zu schicken. Schliesslich hat auch Lettland Sympathien für Atomstrom entdeckt.
Die Frage, die sich nunmehr stellt, lautet: Sind wir Österreicher als eiserne Atom-Muffel in einer atomstrom-freundlichen Union plötzlich schon wieder einmal am falschen Dampfer? Und sollte das Land schleunigst seinen Kurs ändern? Antwort: Zweimal Nein.
Obwohl gar nicht einmal so wenige österreichische Top-Manager die gnadenlos durchgehaltene No-Strategie seit der legendären Zwentendorf-Abstimmung bedauern, sollte diese unbedingt beibehalten werden. Nicht, weil wir etwa verzopfte Angsthasen sind und Atommüll nicht ausstehen können. Auch nicht, weil wir auf unserer Insel der Seligen das Faktum ignorieren könnten, dass ein Drittel des europäischen Strombedarfs von Kernenergie gedeckt wird. Ausschlaggebend muss sein, dass Österreich einschlägige Untersuchungen renommierter Experten ernst nimmt, denen zufolge Atomenergie ohne staatliche Subventionen nicht wettbewerbsfähig ist, schon gar nicht in einem deregulierten Markt. Die Baukosten eines Atomkraftwerks sind - bei vergleichbarer Leistung - bis zu vier Mal so hoch wie bei einem Gaskraftwerk.

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