"Kleine Zeitung" Kommentar: "Albtraum Klonen: Wer schützt die Menschen vor sich selbst?" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 05.01.2006

Graz (OTS) - Das Märchen handelt von einem, der auszog, um die Menschheit von unheilbarer Krankheit, von Krebs und Parkinson zu erlösen. Doch wie es mit Märchen nun einmal so ist, haben sie mit der Realität wenig zu tun. Und so kommt es, dass jetzt, da der Klonpionier Hwang Woo-suk als übler Scharlatan entlarvt ist, sein Absturz nicht tiefer sein könnte.

Doch nicht die kaltschnäuzige Impertinenz, mit der Koreas gefallener Nationalheld die Welt um den Finger wickelte, ist das Demaskierende an der Affäre, sondern die Bereitwilligkeit, mit der den Heilsversprechungen der Stammzellenforschung allgemein Glauben geschenkt wird: Nur noch eine Frage der Zeit sei es, bis Blinde sehen und Lahme wieder gehen könnten, ist da von namhaften Vertretern der Zunft immer wieder zu hören. Als Hwang vor zwei Jahren seine Forschungen präsentierte, bejubelten die Medien das als "Urknall der Klontherapie".

Der Mensch schwingt sich auf zum Schöpfer - das ist es wohl, was dieser Vergleich zum Ausdruck bringen sollte. Die nackte Wahrheit sieht anders aus: Hwang schuf nicht Leben, sondern vernichtete es: Um seine Klone zu erzeugen, aus denen er eines Tages Ersatzorgane zu züchten hoffte, schlachtete er hunderte menschliche Embryonen aus, die nur zu diesem Zweck hergestellt wurden.

"Verbrauchen" wird das im Wissenschaftsjargon genannt, und dieses "Verbrauchen" ist der Grund dafür, warum das von Hwang praktizierte "therapeutische Klonen" in Österreich streng verboten ist.

Nun mehren sich aber auch bei uns die Stimmen, die sich für eine Lockerung des Verbots aussprechen. Sie argumentieren damit, dass das Kollektivgut Gesundheit Vorrang habe vor dem Lebensschutz eines Achtzellers. Embryonen würden noch keine Menschenwürde besitzen, sagen sie. Denn dazu gehöre es, seine Würde selbst beanspruchen zu können.

Das mag für viele einleuchtend klingen, aber bedeutet es zugleich nicht, dass alle, die ihre Würde nicht selbst beanspruchen können -geistig Behinderte oder Komatöse - keine Menschenwürde besitzen?

Verblasst in einer Gesellschaft, die ihr Ziel in der Selbstoptimierung sieht, der Einzelne nicht zwangsläufig zum verfügbaren Gattungsexemplar?

Nicht um ein blindes Verbot der Biotechnik geht es, sondern um ethische Mindeststandards, die dem Missbrauch vorbeugen.

Wenn der Fall Hwang eines lehrt, so doch, dass der Mensch sich vor sich selbst schützen muss. Oder um mit dem Philosophen Jürgen Habermas zu sprechen: Die Ebene ist schief, aber noch steh'n wir:
Geraten wir ins Rutschen, gibt's kein Halten mehr. ****

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