"Die Presse": Leitartikel: "Hat Gusenbauer das Zeug zum Kanzler?" (von Oliver Pink)

Ausgabe vom 5./6.1.2006

Wien (OTS) - SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer schwankt zwischen den Rollen "eifriger Sachpolitiker" und "hölzerner Populist".

Von Hainfeld nach Bad Häring. Zu Jahresbeginn 1889 begann im niederösterreichischen Mostviertel unter Viktor Adler das Unternehmen Sozialdemokratie. Zu Jahresbeginn 2006 hält der Zug unter Alfred Gusenbauer im Schatten des Wilden Kaisers in Tirol. Das SPÖ-Präsidium besinnt sich hier jener Themen, die in der 117-jährigen Parteigeschichte stets aus dem Repertoire herausragten - und auch den kommenden Wahlkampf bestimmen sollen: Arbeit, Bildung, Gesundheit. Eine diffuse Wendestimmung liegt über dem Land. Alle Umfragen sehen die SPÖ stabil voran. Nimmt man die Landtagswahlen 2005 in der Steiermark, im Burgenland, in Wien und die (nicht wirklich relevante) ORF-Publikumsratswahl, dann muss auch Wolfgang Schüssel zum Schluss kommen: Das Pendel schlägt nach links.
Und die SPÖ will diesen Drall für den Sprung ins Kanzleramt nützen. Doch ein puristischer Drei-Themen-Wahlkampf wird nicht ausreichen. Auch auf den Kanzlerkandidaten kommt es an. Und da stellt sich die Frage: Hat Alfred Gusenbauer überhaupt das Zeug zum Kanzler?
Gehen wir von der Prämisse aus, dass man erst Kanzler wird, wenn man Kanzler ist - oder um es in Gusenbauers Worten zu sagen: "Charisma kommt mit dem Amt" -, dann sieht es gut aus für den SPÖ-Vorsitzenden. Handwerklich spricht wenig gegen ihn: Gusenbauer kann sich auf internationalem Parkett bewegen - da nützt ihm seine Zeit als Vizepräsident der Sozialistischen Internationalen unter Willy Brandt. Er ist sachpolitisch in allen Belangen firm, auch in der Wirtschaftspolitik, die ja nicht gerade eine Domäne der Sozialdemokratie ist.
Und Gusenbauer ist berechenbar: Er wird das Land nicht in neue Schulden stürzen, ist persönlich (auch wenn er sich das nicht mehr laut zu sagen getraut) durchaus Nulldefizit-Fetischist und wird -sollte er Kanzler werden - den großen Europäer geben. Wie er sich überhaupt vom Ultra-Linken - 1985 schrieb der trotzige Juso noch Sätze wie "Die wirklichen Terroristen sitzen in Washington und Tel Aviv" - zum Pragmatiker der Mitte gewandelt hat.
Doch kann man ohne Charisma tatsächlich Kanzler werden? Man kann. Angela Merkel hat es vorgezeigt. Und seit sie Regierungschefin ist, umweht die biedere Ostdeutsche fast schon ein leichter Hauch von Glanz und Glamour. So würde es wohl auch bei Gusenbauer sein. Alfred Gusenbauer könnte es also.
Doch wenn man nur das politische Handwerk (plus Ausstrahlung, sofern vorhanden) als Kriterium nimmt, dann muss man - nüchtern betrachtet -wohl sagen: Auch Jörg Haider könnte es. Irgendwie. Und auch Alexander Van der Bellen.
Wobei Letzterer vielen Sozialdemokraten, vor allem urbaner Provenienz, ohnehin der liebste rote Spitzenkandidat wäre. Van der Bellen erinnert an Bruno Kreisky - er hat so etwas Bürgerlich-Sozialdemokratisches. Genau diese Aura fehlt Gusenbauer. Die städtischen Linksliberalen für sich einzunehmen, wäre für Gusenbauer zweifellos ein Prestige-Projekt. Doch als wirklich relevante Zielgruppe haben seine Strategen eine andere ausgemacht:
die "FPÖ-ÖVP-Abwanderer". Jene früheren FPÖ-Wähler, die 2002 für Wolfgang Schüssels ÖVP gestimmt haben. Und da diese vor ihrem Abenteuer mit Jörg Haider wohl großteils rot gewählt haben, scheinen sie für die SPÖ am ehesten zu gewinnen zu sein.
Alfred Gusenbauer wirft diesen daher saftige Häppchen zu: Er lässt seine SPÖ für das neue Asylgesetz stimmen, schwenkt auf EU-kritischen Kurs um (und das als Vorsitzender einer Partei, die Internationalität und Solidarität wie keine andere auf ihre Fahnen geheftet hat) und gefällt sich im Duett mit der "Krone" als volkstümelnder Kunstkritiker (siehe die "aus Steuergeldern finanzierten EU-Porno-Plakate"). Die aufgesetzte Populisten-Pose wirkt bei Gusenbauer allerdings hölzern. Er kann das nicht. Ob es das dann tatsächlich bringt?

Entscheidender wird etwas anderes, rational schwerer Fassbares sein:
Wollen die Österreicher den Wechsel - oder lieber beim Bewährten bleiben? Die Geschichte lehrt, dass die Bürger dieses Landes - sicher ist sicher - im Zweifel eher dem Status quo den Vorzug geben. Einen politischen Machtwechsel per Volksentscheid hat es hierzulande erst einmal gegeben: 1970, als die SPÖ unter Bruno Kreisky die ÖVP überholte. Wir erinnern uns: Auch Wolfgang Schüssel wurde 1999/2000 nicht zum Kanzler gewählt, er hat diesen Posten am Verhandlungstisch erobert.
Die Frage ist also nicht so sehr, ob Gusenbauer es könnte. Sondern ob die Österreicher wollen, dass er zeigt, dass er es kann. Es ist eine Frage des Vertrauens.

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