"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Der Schuss vor den Bug" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 05.01.2006

Wien (OTS) - Das Jahr 2006 fängt gut an: Nur einige wenige Tage lang hat es so ausgesehen, als wäre die Versorgung Europas mit russischem Gas gefährdet. Jetzt strömt dieses Lebenselixier unserer Wirtschaft wieder mit dem gewohnten Druck aus den Leitungen und wir können aufatmen.
Freuen darf sich darüber unter anderem unsere Regierung. SP- und FP-Politiker haben der österreichischen EU-Präsidentschaft ja reflexartig die Verantwortung für die schwächelnde Gasversorgung Europas in die Schuhe geschoben. Übersehen haben die wackeren Vorwahlkämpfer dabei, dass sie der Regierung damit auch den Erfolg auf die Fahnen geheftet haben. Zu verdanken haben wir ihn aber wohl eher den geharnischten Protesten von Großabnehmern wie der OMV beim russischen Vertragspartner Gasprom.
Der eigentliche Grund für die kurzfristige Energiekrise ist dabei gar nicht so wichtig. Vielleicht hat die Ukraine wirklich den Gashahn zugedreht und für die Durchleitung nach Europa bestimmtes russisches Erdgas zur Deckung des eigenen Bedarfs abgezweigt. Vielleicht hat auch Russland absichtlich zuwenig Erdgas geliefert, um die Ukraine bei der EU in ein schiefes Licht zu setzen.
Einen "Schuss vor den Bug" hat Wirtschaftsminister Bartenstein die Ereignisse genannt, und damit hat er Recht. Der russisch-ukrainische Konflikt hat uns die Gefahren der weltweiten Vernetzung binnen Stunden sehr eindringlich vor Augen geführt. Das gilt keineswegs nur für die Energieversorgung.
Globalisierung und weltweite Arbeitsteilung sind zweischneidige Schwerter: Das "Outsourcing" genannte Ausgliedern wichtiger Aufgaben; die Ausrichtung der Produktion an "Just-in-time-Lieferungen", die zwecks Vermeidung von Lagerkosten von weither auf die Minute pünktlich ankommen müssen; das Vertrauen auf ein weltweit unterbrechungs- und reibungslos funktionierendes Kommunikationsnetz:
All das vermindert die Produktionskosten, führt aber auch zu gefährlichen Abhängigkeiten.
Im Kleinen haben wir das erlebt, als das Herbst-Hochwasser im Vorjahr zwei Telefonleitungen zerstört und Vorarlberg für Stunden kommunikationstechnisch von Restösterreich abgeschnitten hat. Die Erdgaskrise der letzten Tage hat schon deutlicher gezeigt, wie rasch uns politische Konflikte, aber auch Streiks oder Naturkatastrophen gefährlich werden können, wenn sie wichtige Versorgungsströme unterbrechen.
Wir müssen Russland und der Ukraine dankbar sein, dass sie uns diese Abhängigkeiten so deutlich vor Augen geführt haben. Ändern wird sich vermutlich nur wenig. Vielleicht wird die "Nabucco-Pipeline", die Gas über die Türkei nach Europa bringen soll, nun etwas schneller gebaut werden. Eine ernsthafte Grundsatzdiskussion über die Risiken der Globalisierung, über das Abwägen von Kostenvorteilen auf der einen und kalkulierbare Sicherheit auf der anderen Seite wird aber kaum in Gang kommen. Dazu war die Krise zu kurz und der Schock zu gering.

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