WirtschaftsBlatt Kommentar vom 5.1.2006: Superreiche, Reiche und alle anderen - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Je weiter es gen Nordeuropa geht, desto deftiger und manchmal auch trivialer scheinen die Menschen mit Lebensfragen umzugehen. Sterbehilfe, Rauschgift, Porno, Homo-Ehen - die Signale gesellschaftlicher Aufbrüche in Grenzbereichen treten gehäuft mit dem grösseren Abstand von der naiven Lebenslust der Mittelmeervölker auf. Sei es nun Zufall oder ein Wellenschlag der Geschichte - eine belgische Bank bietet Millionärskindern Lebenshilfe. "Die grösste Sorge reicher Eltern ist, wie die Kinder später mit ihrem Geld umgehen", zitiert die Zeitung "Het Laatste Nieuws" einen Vermögensplaner.
An dem Satz ist viel dran, er hat zeitlose Gültigkeit und macht im Kern auch keinen Unterschied zwischen Arm und Reich: Die Eltern haben schon ewig das Problem, was die kleinen Gfraster mit hart Erworbenem machen, und sei es nur mit der Handy-Wertkarte.
Zugleich aber enthüllt der neuartige Bank-Service ein Problem, über das man nicht gern spricht. Nicht nur in Holland, Belgien, Schweden, auch in Deutschland und Österreich breitet sich eine Gesellschaft begüterter Erben aus. Der Wohlstand hat’s gegeben, die Jahrzehnte dauernde Absenz des Krieges half mit, und das Phänomen des Geburtenrückgangs wirkte verstärkend: Den wenigen Nachkommen bleibt immer mehr - sofern etwas da ist.
Diese letzte Einschränkung freilich macht darauf aufmerksam, dass ein Haken oder sogar Sprengsatz eingebaut ist. Es gibt nicht nur die Reichen und Superreichen, sondern eine breite Schicht derer, die es nie schaffen werden. Wenn nun die belgische Bank - und damit sind wir bei der schon erwähnten Trivialität - den Kindern von Kontoinhabern mit mindestens einer Million Euro Anlage beibringen will, wie man im Volksschulalter Freunde des gleichen Milieus bevorzugt und spätestens ab 18 die Anlagespiele in gewinnbringende Realität umzusetzt, so erscheint im Hintergrund das Gruselbild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Krisensicherheit verspricht sie nicht, denn irgendwann müsste den durch die Raffinesse der Banken gecoachten Reichen Widerstand entgegenschlagen, der kein Federlesens mit erworbenen Rechten macht. Das hat es schon gegeben, und fast könnte man froh sein, dass die Jungen aller Zeiten das grosse Geld überraschend schnell durchbringen, so als hätte die Evolution eine Methode natürlicher, revolutionsloser Umverteilung entwickelt.
Das belgische Experiment ist interessant. Beruhigen kann es nicht.

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