"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die öde Routine der Grenzüberschreitung" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.12.2005

Graz (OTS) - Lassen wir die Krone. Jedem Idioten muss klar sein, dass Feiertag ist für das Blatt; dass der plakative Fund ein Fressen für die Zeitung ist, mit dem sie die Empörung einträglich hochpeitschen kann. Sie schäumt gegen die Schamlosigkeit und bringt zwei Seiten später die Nackerte des Tages, "blutjung und schon so sexy". Alles geht.

Es ist ein lukratives Spiel mit der Erregung, und auf dieser Ebene des Kalküls begegnen einander die alte Dichand'sche Erregungsmaschine und der bekämpfte Erreger von vis-a-vis, wobei ein Niveaugefälle zwischen beiden mit freiem Auge kaum auszumachen ist. Beide kalkulieren mit einer vermeintlich dumpfen, kulturell unverständigen, leicht entzündbaren Masse. Die einen machen mit ihr Stimmung und Auflage, die anderen eine Hetz.

Nicht das, was in den Motiven grell hergezeigt wird, ist das Ärgernis, sondern die billige Ausreizung eines Tabus, das Vordergründige der Absicht, das planerische Verhältnis zur Provokation unter Preisgabe jeglicher ästhetischer Ansprüche.

Die Kuratoren haben versucht sie nachzureichen, haben die Unkundigen vorgeführt, wie ungebildet sie seien, ein Zitat nicht zu erkennen, und sind dann mit Schiele gekommen, als ob jedes Vagina-Close-up schon ausreiche als Querverweis zum Jahrhundert-Genie.

Es gibt die Freiheit der Kunst, die als Gut zu schützen ist vor Furor und Repression. Es gibt aber auch die Freiheit, Kunst im Einzelfall abzulehnen, wenn sie qualitativ inferior ist oder die Würde des Einzelnen herabsetzt. Die "betäubend banale Darstellung" (Kurier) der kopulierenden Regenten auf einem Dach erfüllt diesen Tatbestand. Hier ersetzt Spott den Diskurs.

Das Motiv ist weder aufklärerisch noch oppositionell, noch eine ironische Brechung von irgendwas. Es handelt sich auch um keine politische Äußerung. Welche europäische Wirklichkeit hier kritisch reflektiert werden soll, ist schleierhaft.

Was bleibt: die platte provokative Absicht. Wer sie unterlaufen will, sollte sich der Erregung verweigern. Hier posiert Kunst im abgewetzten Schock-Textil der 60er. Damals waren die Entgrenzungs-Strategien der Avantgarde-Bewegungen erfolgreich und rissen Horizonte auf. Wo aber Grenzen keine ernsthaften Hindernisse mehr darstellen, ist das Pathos der Grenzüberschreitung nur noch anachronistisch, schrieb die Süddeutsche. Zugleich werde es zum ästhetischen Problem, "wie jeder weiß, der schon einmal im Theater oder Museum durch das Auftrumpfen zur Routine gewordener Grenzüberschreitung angeödet wurde". - Nicht anders ist es hier. ****

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