"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Glücksache" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 30.12.2005

Wien (OTS) - Prognosen sind Glücksache, das merkt man am deutlichsten zum Jahreswechsel. Was haben uns die Wirtschaftsexperten vor einem Jahr nicht alles vorhergesagt. Vor allem über zwei Entwicklungen war man sich ziemlich einig: Der Eurokurs sollte gegenüber dem Dollar weiter steigen. Dafür würde ein Barrel Rohöl im Jahresschnitt höchstens 40 Dollar kosten - es sei denn, eine Nahostkrise würde den Preis hochtreiben.
Heute werden die Analysten nur ungern an ihre Prognosen erinnert. Vor einem Jahr hat ein Euro 1,36 Dollar gekostet - und seither ging es steil bergab. Derzeit ist der Euro gut 13 Prozent weniger wert als vor einem Jahr - zur Freude der Exporteure und zum Leid all jener, die Dollar kaufen müssen, weil sie beispielsweise nach Amerika fahren oder Erdöl importieren wollen.
A propos Erdöl: Das ist im Gegensatz zu den Prognosen kräftig teurer geworden. Zeitweise hat das Barrel 60 Dollar und mehr gekostet, aber nicht wegen einer neu ausgebrochenen Nahostkrise. Die unzureichenden Raffineriekapazitäten waren schuld am Höhenflug der Preise, und das hätten die Analysten vor einem Jahr zumindest ahnen können. Schwamm drüber. Hoffen wir, dass die heurigen Prognosen besser zutreffen. Sie sagen nämlich eine deutliche Konjunkturbelebung voraus. Deutschland könnte wieder zur Lokomotive werden und die dahindümpelnde österreichische Wirtschaft auf mindestens 2,5 Prozent Wachstum beschleunigen.
Riskant ist die Wachstums-Prognose dennoch. Sie basiert auf der Hoffnung, dass unsere deutschen Nachbarn sich tatsächlich in die Konsum-Falle locken lassen. Für 2007 hat die Regierung Merkel die Anhebung der Mehrwertsteuer um drei auf 19 Prozent angekündigt. Die Angst vor steigenden Preisen soll im nächsten Jahr zu Vorziehkäufen führen, von denen dann in weiterer Folge auch österreichische Zulieferbetriebe (beispielsweise aus der Autobranche) profitieren könnten.
Die deutsche Wirtschaft könnte durch diesen Steuertrick 2006 endlich belebt werden, kalkulieren die deutschen Wirtschaftspolitiker. Wenn Steuern und Preise dann Anfang 2007 steigen, müsste die entstehende Nachfragelücke relativ leicht zu verkraften sein.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Rechnung tatsächlich aufgeht. Konsumenten sind ja mit drohenden Preiserhöhungen oder Angebotsverschlechterungen leicht zu beeindrucken. Das zeigt sich in Österreich derzeit am Lebensversicherungsboom, winken doch ab Jahreswechsel geringere Garantieverzinsung und ungünstigere Sterbetafeln.
Wünschen wir den Experten und uns also, dass sie diesmal Glück haben und Recht behalten. Eine weitere Konjunkturbelebung könnten wir dringend brauchen. Ob die Dollar-, Ölpreis-, Zins- und Aktienprognosen stimmen, ist dagegen relativ unwichtig und regt nur risikofreudige Anleger und Spekulanten wirklich auf.

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