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"Die Presse" Leitartikel: "Wenn Andreas Treichl Weihnachtsmann spielt" (von Christine Domforth)
Ausgabe vom 22.12.2005
Wien (OTS) - Der Kauf der rumänischen BCR durch die Erste Bank
bietet per Saldo mehr Chancen als Risken.
Es ist fürwahr ein Banken-Deal der Superlative, den die Erste Bank
knapp vor Weihnachten durchzieht. Sie blättert für die rumänische
Großbank BCR den mit Abstand höchsten Preis hin, den je ein
heimisches Unternehmen im Ausland investierte. Immerhin kostet die
BCR-Mehrheit ungefähr das Dreifache jenes Betrages, den die Bank
Austria im Jahr 1997 für die Creditanstalt und die Bawag 2000 für die
Postsparkasse locker machten. Die Erste Bank zahlt für das Objekt
ihrer Begierde einen noch nie da gewesenen Aufpreis, der Deal ist
auch relativ betrachtet der mit Abstand teuerste der
Bankengeschichte. Und zum Drüberstreuen wird es Anfang 2006 zur
Finanzierung des Deals die höchste Kapitalerhöhung geben, die je ein
österreichischer Konzern durchzog.
Dass eine derartige Transaktion nicht völlig risikolos sein kann,
liegt auf der Hand. Vor allem liegt eine enorme Managementaufgabe vor
Erste Bank-Chef Andreas Treichl und seinem Team, ist doch die BCR
weit größer als alle bisherigen Zukäufe der Ersten. Die Bank,
praktisch die CA von Rumänien und absoluter Platzhirsch im Land,
verdient gut. Man muss sie also nicht restrukturieren, braucht dafür
aber als neuer Eigentümer entsprechendes Fingerspitzengefühl.
Der strategische Preis für die BCR ist sehr hoch, die Bank war aber
die letzte große Akquisitionsmöglichkeit in den Reformstaaten.
Rumänien hat 22 Millionen Einwohner, steht unmittelbar vor dem
EU-Beitritt und bietet, was die Versorgung der Bevölkerung mit
Bankprodukten wie Sparbüchern, Gehaltskonten oder Krediten anlangt,
ein enormes Potenzial. Deshalb sollten sich die 3,75 Milliarden Euro,
die Treichl auf den Tisch blättern musste, langfristig rechnen. Der
Deal sichert ihm eine langfristige Wachstumsstory - und das ist genau
das, was der internationale Kapitalmarkt hören will.
Dass er zu teuer gekauft habe, musste sich der Erste-General übrigens
schon beim Erwerb der ungarischen Posta-Bank vorwerfen lassen. Bisher
haben sich aber so gut wie alle Banken-Deals in Osteuropa relativ
rasch gerechnet - und zwar nicht nur bei der Erste Bank, sondern
praktisch bei allen Austrobanken, die in den Nachbarstaaten auf
Einkaufstour gingen.
Der Bankenkauf in Rumänien ist der bislang größte in einer langen
Reihe von Expansionsschritten nach Zentral- und Osteuropa.
Österreichs Wirtschaft hat die historische Chance nach dem Fall des
Eisernen Vorhangs genutzt und sich auf dem Gebiet der ehemaligen K. &
K.-Monarchie mittlerweile eine starke Position gesichert. Die Zeiten,
da man über Arbeitsplatz-Export wetterte, wenn ein heimisches
Unternehmen im Ausland investierte, sind glücklicherweise lang
vorbei. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein
Engagement jenseits der Grenzen durchaus dazu beitragen kann, die
Arbeitsplätze im Inland abzusichern.
Ganz besonders galt und gilt das für die Finanzwelt. Fast alle
österreichischen Großbanken haben sich in den Reformstaaten engagiert
und verdienen dort deutlich mehr als auf dem Heimmarkt. Dieser ist -
auch wenn man das als Bankkunde angesichts mickriger Sparzinsen und
regelmäßiger Gebührenerhöhungen kaum glaubt - für die Institute alles
andere als lukrativ. Weil gesättigt und hart umkämpft. Nur die Bawag
ging zu spät in den Osten. Sie versuchte, die fehlenden Erträge durch
wilde Finanzspekulationen à la Refco zu ersetzen - das Ergebnis war
bekanntlich desaströs.
Die Ostexpansion hat bei zahlreichen heimischen Unternehmen auch dazu
beigetragen, dass die Headquarter im Inland und die Gesellschaften
unabhängig bleiben konnten. Auch Treichl setzt auf diese Karte und
will mit seiner Einkaufstour verhindern, dass die Erste Bank zum
Übernahmeopfer wird. Auch wenn man ein überzeugter Europäer ist, kann
es einem nicht gleichgültig sein, wo die für die Wirtschaft des
Landes wichtigen Entscheidungen fallen. Bei der bislang größten Bank
des Landes, der BA-CA, ist das nicht gelungen. Uns Österreichern wird
aber international offenbar zugetraut, das Geschäft in Osteuropa am
besten zu beherrschen. Deshalb will die UniCredit künftig ihr
gesamtes Ost-Business von Wien aus managen lassen, ebenso wie das
schon Weltkonzerne wie Siemens oder die Generali tun.
Der Balkan beginnt nach einem alten Bonmot am Rennweg in Wien. Die
BCR-Privatisierung ging allerdings ganz und gar nicht balkanesisch,
sondern hochprofessionell über die Bühne. Davon könnten sich die
burgenländischen Landespolitiker eine Scheibe abschneiden. Die
dürften die Bank-Burgenland-Privatisierung auch im dritten Anlauf
vermasseln.
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