Wie toll ist das Gegenteil von "Eintopf"?

"Presse"-Leitartikel von Martina Salomon

Wien (OTS) - Die VP-Argumentation gegen die Gesamtschule ist nicht ganz schlüssig - und der Ist-Zustand nicht befriedigend.

Gesamtschule - das ist für viele ein Symbol für Niveauverlust und Orientierung an den Schwächsten. In "Generation Golf" beschreibt der Autor Florian Illies das intellektuelle Elend einer hessischen Gesamtschule. Einige Jahre später hat die Pisa-Studie dem positiven Gegenbeispiel eine Bühne eröffnet: der finnischen Gesamtschule. Könnte Österreich eine radikale Reform nach diesem Vorbild wagen, wie es Rot und Grün und auch der Bundespräsident (in der "Presse") fordern? Oder droht dann Hessen in Österreich - samt schlechten Pisa-Daten, wie maßgebliche ÖVP-Politiker befürchten?
Das Zauberwort ist innere Differenzierung: Ohne Gliederung in Leistungsgruppen würde sich eine gemeinsame Schule tatsächlich nur an den weniger Begabten orientieren. In Wiener Hauptschulen gibt es diese klassischen Leistungsgruppen nicht mehr (dafür aber eine überdurchschnittlich gute Lehrer-Ausstattung) - weil an vielen Schulen nur mehr die intellektuell und sozial Schwächsten, also auch viele Kinder armer Zuwanderer, übrig blieben. Mit dem Wiener Schulversuch "kooperative Mittelschule" - eine Art Gesamtschule -wird versucht, dem Niedergang der Hauptschulen entgegenzuwirken. Denn Eltern in Ballungsgebieten versuchen alles, um diesem Schultyp auszuweichen. Gymnasium: Das ist auch soziale Selektion.

Würde in Österreich von heute auf morgen die Gesamtschule eingeführt, dann würden städtische Oberschichtfamilien noch mehr als bisher die Privatschulen stürmen. Finnland hatte es bei der Umstellung auf das Gesamtschulsystem in einem wesentlichen Punkt leichter: Die Ausländerquote ist viel niedriger als in Österreich, die sozialen Unterschiede insgesamt gering.
In Wiener Hauptschulklassen haben hingegen bis zu 90 Prozent der Kinder nicht Deutsch als Muttersprache. Die Bildungsziele sind dort schwer zu erreichen - und die Aufstiegschancen der Schüler mehr als begrenzt. Wären Zuwandererkinder nicht so einseitig aufs Schulwesen verteilt, gäbe es wahrscheinlich nicht nur eine einzige Sub Auspiciis-Promotion wie jene des türkischen Gastarbeitersohnes Hüseyin Özcelik letzte Woche in Wien. Mehr Chancengleichheit: Das ist der größte Vorteil eines gemeinsamen Unterrichts bis 14. Wichtigste Voraussetzung zum Gelingen (nicht nur) einer Gesamtschule sind Lehrer, die den Ehrgeiz haben, alle Kinder zu einem positiven Abschluss zu bringen. Aber jenen, die der Philosophie anhängen: "Wir haben uns alle lieb, lasst jeden ein Doktorat machen", sei gesagt, dass Gesamtschule nicht Abwesenheit von Leistung heißen kann. Neben Leistungsgruppen gibt es in Finnland auch ziemlich strenge Aufnahmekriterien an den Unis.

Wie motiviert Jugendliche strebern könnten, kann man gut am Schulprojekt Walz (von Christoph Chorherr) studieren: Dort müssen die Jugendlichen externe Prüfungen ablegen, daher stehen in gewissem Sinne auch ihre Lehrer am Prüfstand. Im herkömmlichen, heimischen Schulwesen hingegen herrscht häufig die "Friß-oder-stirb-Methode". Der österreichische Unterricht ist nicht transparent genug - was hinter verschlossener Klassenzimmertüre geschieht, geht niemanden etwas an. Das führt zu riesigen Leistungsunterschieden - nicht nur zwischen den Schulen, auch innerhalb eines Standortes. Und weil Pädagogen keine Aufstiegsperspektive haben, breitet sich viel zu oft Mittelmäßigkeit und Resignation im Lehrerzimmer aus. Das Gegenteil von "Eintopf" (O-Ton ÖVP zur Gesamtschule) ist also auch kein befriedigender Zustand. In Finnland werden übrigens Lehramtskandidaten stark gesiebt - und das Lehrer-Prestige ist deutlich höher.
Ein - von Kanzler Wolfgang Schüssel zuletzt in der ORF-Pressestunde verwendetes - Hauptargument der ÖVP gegen die Gesamtschule ist die Einschränkung der Wahlfreiheit. Aber warum sollte es nicht auch Gesamtschulen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten und Wettbewerb untereinander geben? Das hochgelobte berufsbildende höhere Schulwesen beginnt ohnehin erst ab der neunten Schulstufe.
Fazit: Eine Gesamtschule kann tatsächlich bessere Erfolge als das jetzige Schulwesen in Österreich bringen - aber nur, wenn wirklich alle Rahmenbedingungen stimmen. Mittels Zentralmatura oder zumindest ernsthaften Bildungsstandards (einheitliche Tests für alle Kinder einer Schulstufe, um den Leistungsstand vergleichen zu können) ließe sich - mit oder ohne Gesamtschule - auf jeden Fall ein besseres Bildungsniveau in Österreich erreichen.

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