"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Zwischen Macht und Erfolg" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 16.12.2005

Wien (OTS) - Zwei Ereignisse, zwei Welten: Bei Siemens-Österreich übernimmt Brigitte Ederer das Ruder im Vorstand; Langzeit-Generaldirektor Albert Hochleitner zieht sich in den Aufsichtsrat zurück. Der komplette Vorstand der deutschen Muttergesellschaft feiert den Wechsel (und vor allem die Erfolge des scheidenden Chefs) dieses Wochenende in Wien in voller Harmonie mit einem noblen Fest.
Bei der BankAustria-Creditanstalt hängt der Himmel dagegen keineswegs voller Geigen. Generaldirektor Erich Hampel musste diese Woche einbekennen, dass die neuen Eigentümer in Mailand ihre Ankündigungen nicht halten können oder wollen: Die volle Kontrolle über alle derzeitigen Ostaktivitäten inklusive Polen hatte UniCredit-Chef Profumo noch im Juni zugesagt und dazu noch die Kontrolle über das Russland- und Türkei-Geschäft versprochen.
Jetzt ist alles ganz anders. Die polnische Regierung verweigert vorerst den Zusammenschluss der UniCredit-Tochter mit jener der BankAustria, weil dadurch angeblich ein Quasi-Monopol entstehen würde. Hinter vorgehaltener Hand hört man aber, dass Polen um Zugeständnisse feilscht. Vor allem will Warschau erreichen, dass die neue Großbank direkt der UniCredit-Zentrale in Mailand und nicht dem Ableger in Wien untersteht.
Wohin Russland und die Türkei ressortieren werden, ist auch wieder ungewiss: Eine "klare Struktur" im Bankenkonzern werde erst erarbeitet, musste Hampel kleinlaut zugeben. Wie sie aussehen wird, soll "mittelfristig" feststehen. Was "mittelfristig" konkret in Monaten oder Jahren bedeutet, kann oder will Hampel nicht sagen.
Der Unterschied könnte nicht größer sein: Hier der selbstbewusste Vorstand von Siemens-Österreich, der zur Verantwortung für sieben osteuropäische Länder im Konzern noch die Verantwortung über "maximal zwei oder drei weitere" dazunehmen will. Dort der Chef des einstigen Flaggschiffs der österreichischen Bankenszene, der auf Gedeih und Verderb den Strukturplänen der neuen Eigentümer (und dem Verhandlungsgeschick der polnischen Regierung) ausgeliefert ist. Erfolge allein genügen also nicht, um in ausländischen Konzernzentralen erfolgreich mitreden zu können. Immerhin kann nicht nur Siemens, sondern auch die BankAustria-Creditanstalt auf durchaus respektable Zuwächse bei Geschäft und Ertrag verweisen. Einfluss muss man sich erkämpfen und zwar gleichermaßen durch gutes Management der eigenen Unternehmensgruppe wie durch kluge Wortmeldungen und geschicktes Networking in den Konzerngremien.
Umso bemerkenswerter ist der Führungswechsel bei Siemens-Österreich. Brigitte Ederer ist erst vor fünf Jahren aus der Politik in den Vorstand des größten Industrie- und Technologiekonzerns in Österreich gewechselt. Sie hat sich an der Konzernspitze in München ungewöhnlich schnell Respekt verschafft - nicht bloß deshalb, weil sie eine Frau ist und schon gar nicht, obwohl sie eine Frau ist, sondern einfach, weil sie etwas zu sagen hatte. Diesen Einfluss wird sich BA-CA-Chef Hampel in Mailand erst erkämpfen müssen.

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