"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nicht ein ganzes Land, sondern nur ein Mann steht vor Gericht" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 13.12.2005

Graz (OTS) - Nicht schuldig, Euer Ehren!", sagte Ante Gotovina gestern bei seiner ersten Einvernahme vor dem UNO-Tribunal in Den Haag. Ist der Ex-General aus Kroatien tatsächlich unschuldig am Tod von 150 und an der Vertreibung von 150.000 Serben aus deren Heimat, der kroatischen Krajina, wie dies die selbstherrliche Chefanklägerin Carla del Ponte behauptet, oder ist er der Nationalheld, für den ihn viele Kroaten halten?

Die Nachricht von der Festnahme Gotovinas ist von den kroatischen Parteien zwar unterschiedlich aufgenommen worden, doch eines ist für alle klar: Eine "Revision der Geschichte" dürfe es nicht geben, denn schließlich habe Kroatien einen "Befreiungskrieg" gegen die "serbischen Aggressoren" geführt. Alle relevanten Parteien nennen daher ein Hauptziel: die gegen Gotovina erhobene Anklage zu Fall zu bringen.

Es gibt aber auch Stimmen, die zugeben, dass es bei der "Operation Sturm", der Rückeroberung der Krajina, Verbrechen gegeben hat. Ivo Josipovic von der oppositionellen Sozialdemokratischen Partei etwa erklärte, niemand dürfe leugnen, dass Verbrechen gegen Serben begangen wurden und dass diese auch bestraft werden müssten. Aber auch er betont: "Die Legitimität und Effizienz des ,Sturmes' steht!"

Für die kroatische Regierung bedeutet die Verhaftung Gotovinas, dass das Land jetzt leichter den Weg in die EU finden wird. Dies mag auch die Zweifel an den Beitrittsgesprächen mindern, die manche in Europa noch hegen. Aber die Anklage ist für den kroatischen Staat auch unangenehm. Denn am Ende könnte das Gericht feststellen, dass die Rückeroberung, der große vaterländische Krieg, nach internationalem Recht eine verbrecherische Vertreibung war, die auch Staatsgründer Franjo Tudjman angelastet werden müsste.

Seien wir aber ehrlich: Wie lang hat man in Österreich gebraucht, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und wie schwer tun sich heute noch viele damit? Auf dem Balkan sind die Narben des Krieges noch ganz frisch. Erst die nächste oder übernächste Generation wird halbwegs unbefangen darüber diskutieren können.

Es ist gut und richtig, dass Ante Gotovina endlich vor einem ordentlichen Gericht steht. Denn seine mögliche persönliche Schuld muss geklärt werden. Aber nur er, nicht die kroatische Nation, die von Carla del Ponte so lange in Geiselhaft genommen worden ist, darf in Haag am Pranger stehen.

Nur dann kann der Mythos Ante Gotovinas entzaubert werden und Kroatien selbstbewusst im neuen Europa Platz nehmen. ****

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