"DER STANDARD"-Kommentar: "Freie Fahrt für Schüssel" von Gerfried Sperl

Ausgabe vom 7./8. 12.2005

Wien (OTS) - Ist er nicht ehrlich, der Bundeskanzler? Er hat dem Volk gebeichtet, dass er selbst auch schon schneller gefahren ist als 130. O. k. Aber daraus leitet er ab, man solle die 160 testen. Laut Vizekanzler nicht nur auf einer Strecke, sondern gleich auf "mindestens zwölf" Autobahntrassen. Was angesichts der notorischen Glaubwürdigkeit von Schüssel und Gorbach bedeutet: freie Fahrt für freie Bürger, Tempo bolzen für alle GTI-Wähler, Neo-Liberalismus auf Österreichs Straßen.
Wenn der Herr Bundeskanzler die Vorschriften nicht so ernst nimmt, könnte die Regierung auch gleich andere Gesetze ändern. Mithilfe ihrer Nationalräte. Zum Beispiel auf asphaltierten Güterwegen 100 km/h ausprobieren. Damit die letzten Hasen am flachen Land zugrunde gehen. Oder die 0,5-Promille- Grenze wieder diskutieren. Die Wirte würden jubeln. Vielleicht den Führerschein für 14-Jährige einführen oder den Wiener Gürtel für private Autorennen freigeben. Als Test versteht sich - am Tag des Herrn zwischen zwölf und zwei. Die Wahlbeteiligung unter Jungwählern würde steigen.
Unfair dieser Hinweis auf jugendliche Raser? Nein, überhaupt nicht. Denn die jungen Tempobolzer sind jetzt schon die Mehrheit unter den Verunglückten. Aus 160 werden 180, eine großflächige Erhöhung der Spitzengeschwindigkeit wird genauso wie heute nur durch Stichproben kontrolliert werden. Ebenso wie die Zahl der Rostschüsseln, die jetzt schon auf den Autobahnen geistert.
Schüssels Wortmeldung ist nichts anderes als vorgezogener Wahlkampf. Und ein neuerlicher Hinweis auf den generellen Befund, dass sich die ÖVP immer weiter von ihren christlichen Grundsätzen entfernt. Der Parteiobmann redet aggressiver Fahrlässigkeit das Wort.

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