Die Abwehr von Erinnerung als Weg fürs Weiterleben

Peter Huemer betrachtet das ausklingende Gedankenjahr im historischen Ambiente der Ausstellung "Das neue Österreich" im Belvedere

Wien (OTS) - Die mentale Verfassung der Österreicher spiegelte bis tief ins letzte Viertel des vergangenen Jahrhunderts die ideologischen Lager der 1930er Jahre, meinte der Historiker und Publizist Peter Huemer Montagabend bei einem Vortrag im Marmorsaal des Belvedere. Erst die Waldheim-Affäre von 1986 habe angefangen, nachhaltig einen unretuschierten Blick auf die eigene Geschichte zu werfen.

Der Vortrag war die letzte Veranstaltung des Begleitprogramms zur Ausstellung "Das neue Österreich", die am kommenden Montag, 12.12. 2005, mit einer Finissage zu Ende gehen wird.

Sowohl das Erinnernkönnen wie das Vergessenkönnen hält Peter Huemer für unerlässlich: "Die Abwehr von Erinnerung kann zuweilen der einzige Weg sein für ein erträgliches Weiterleben." Das gelte gleichermaßen für die Opfer wie für die Täter. Huemer zitierte Elias Canetti, dass "Befehlsempfänger" keinen Zusammenhang zwischen ihrem Tun und sich selbst herstellen könnten und sich daher nicht schuldig fühlten. Im Gegensatz dazu ist Huemer überzeugt, dass NS-Verbecher wie Franz Murer, die in den 1960er Jahren, wenn sie vor österreichische Gerichte gestellt worden sind, zumeist freigesprochen wurden, tief innerlich sehr wohl wußten, was sie getan hatten. Ihre Beurteilung durch österreichische Gerichte bleibe ein Schandfleck in der österreichischen Geschichte.

Für das Opfer ist Vergessenkönnen "zuweilen eine Gnade, die wir [ihm] zubilligen. Und Vergessenmüssen ist zuweilen die Voraussetzung, damit sinnvolles Handeln überhaupt möglich wird", erklärte Peter Huemer. Zugleich sei sich zu Erinnern unverzichtbar, ein unauflöslicher Widerspruch. So sei der Wiederaufbau Österreichs nach 1945, das "Wirtschaftswunder" in die erste Kategorie einzureihen; die Überwindung des "Beschweigens", wie Helene Maimann, Mitgestalterin der Ausstellung "Das neue Österreich", formuliere, in die zweite. Denn das Gewusste, aber Verschwiegene produziere genau jene anhaltende Gereiztheit, die sich in der fast reflexhaften Reaktion vieler Österreicher auf Kritik bemerkbar mache, ob die nun aus dem Ausland oder von heimischen Künstlern und Schriftstellerinnen käme.

Ganze Perioden der Geschichte wurden in Österreich lange Zeit verdrängt und beschwiegen: dass der Nationalsozialismus nicht allein zur deutschen, sondern ebenso auch zur österreichischen Geschichte gehöre, sei noch Mitte der 1960er Jahre von ihm als Student und seinen Kolleginnen und Kollegen am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien nicht wirklich erkannt worden. Mit der Diskussion um die NS-Vergangenheit des früheren Bundespräsidenten Dr. Waldheim habe dann eine Wende im allgemeinen Bewusstsein im Umgang mit der Geschichte Österreichs zwischen 1938 und 1945 eingesetzt. Die einen entschieden sich für die Erinnerung, die anderen für fortgesetzte Beschönigung. Der Riss habe sich seit der Regierungsbildung im Jahr 2000 vertieft und sei bis heute zu spüren. "Wir sind kein einiges Volk", meinte Huemer und führte die Debatte um Äußerungen der Bundesräte Kampl und Gudenus an. Obwohl seit Waldheim in Österreich radikal aufgedeckt und publiziert werde, sei die internationale Glaubwürdigkeit nun nicht mehr gegeben.

In seiner abschließenden Bewertung des zu Ende gehenden "Gedankenjahres" warnte Peter Huemer davor, den Staatsvertrag von 1955 zu sehr in den Mittelpunkt der Geschichte der 2. Republik zu stellen. Dass die Ausstellung "Das neue Österreich" - nicht mit 1945 beginne, sondern mit 1914, also dem Anfang aller Katastrophen des 20. Jahrhunderts, und dass sie den Bogen spanne über beinahe ein ganzes Jahrhundert, das halte er für wichtig. Das mache sie zur zentralen Ausstellung des Jahres. Und dass diese Ausstellung 300.000 Menschen gesehen haben, das lasse den Schluss zu, dass ein beträchtliches Interesse an Begegnung mit der eigenen Geschichte vorhanden sei. Es trage vielleicht auch dazu bei, "unsere eigene Geschichte ohne Beschönigungsversuche betrachten zu lernen" und "Rassismus und Xenophobie als nicht mehr paktfähig" zu erkennen.

Für den Inhalt verantwortlich: Eva Zitterbart

Die Ausstellung ist noch bis 11.12. 2005 täglich 10 - 18 Uhr zu besichtigen.

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