WirtschaftsBlatt Kommentar vom 7.12.2005: Der goldene Osten kann teuer werden - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Wer fest an die Gesetze des freien Marktes glaubt,
muss auch dessen simpelsten Selbstregelungsmechanismus anerkennen:
Wer sich irrt, der strauchelt. Und das führt dazu, dass sich Zeitströmungen zumindest dort, wo sie mit Modeströmungen verwechselt werden, schnell ad absurdum führen.
Also: Unternehmensfusionen können einen Sinn machen, aber nicht jede Fusion ist an sich schon ein Glück, worüber zumindest einige Leute bei DaimlerChrysler oder bei der eindrucksvollen Gliederpuppe BA-CA-HVB-UniCredit Näheres erzählen könnten.
Ähnliches gilt auch für Betriebsverlagerungen nach Osteuropa oder gleich nach Asien (siehe Bericht Seite 2). Ja, wenn die Aktion hart durchkalkuliert ist. Aber Hände weg, wenn bloss die Versuchung lockt, genau das zu tun, was angeblich alle machen und was auch in der Ökonomie so schön trendy wirkt.
Die laute Jammerei über die Wirtschaftsprobleme in Österreich verdeckt, dass dieser Standort nach allen derzeit gültigen Prognosen auch im kommenden Jahr bessere Ergebnisse erzielen wird als viele EU-Staaten und jedenfalls besssere als - leider! - Deutschland. Selbstverständlich steckt hinter dieser Leistung auch der Mut, rechtzeitig die Anker zu lichten und Betriebsteile, die überproportional personalintensiv sind, in einem anderen Staat anzusiedeln.
Aber es gehört ebenso dazu gesagt, dass österreichische Unternehmen auch deshalb so toll unterwegs sind, weil sie die Qualität des österreichischen Standortes optimal nutzen. Also verlässliche Arbeitskräfte finden, Kreativität auf hohem Niveau sichern und Kontinuität als Wert erkennen.
Es zeigt sich ja auch, dass eine Verlagerung nicht nur sehr viel mehr kosten kann als veranschlagt, sondern sich manchmal als kurzfristige Operation herausstellt. So stabil wie in Österreich sind ja die Verhältnisse dort, wo die Leute ihre Arbeitskraft am billigsten verkaufen müssen, zumeist nicht.
Kurzum, dableiben oder fortziehen ist keine ideologische Frage, sondern eine rechnerische und im höheren Sinn eine unternehmerische. Und ganz nebenbei - aber das gehört dann schon in die Lebensphilosophie des Unternehmers: Alle Betriebe den Billigstpreisen nachziehen zu lassen, aber den persönlichen Lebensmittelpunkt doch in Österreich zu halten, weil es hier halt angenehmer ist als woanders -diese Lebensrechnung geht nur auf, solange auch hier zu Lande fest investiert wird.

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