Armut ist zu hoch: Mehr werden arm und mehr bleiben arm

Erfahrungsgemäß hat jede Partei ihre "Lieblingsarmen", was eine ganzheitliche Sicht in der Armutsbekämpfung erschwert.

Wien (OTS) - "Aufgrund des Armutskapitels im Sozialbericht der Regierung können keine seriösen Zeitreihen gebildet werden, dafür hat sich die Berechnungsmethode zu oft geändert.", weist DIE ARMUTSKONFERENZ auf die aktuelle Datenlage hin. "Was man aber in jedem Fall zu Armut in Österreich sagen kann: Sie ist zu hoch, sie wird nicht weniger, eher mehr.", analysiert Martin Schenk, Sozialexperte der Armutskonferenz, dem österreichischen Anti-Armutsnetzwerk.

"Indikatoren, die auf das wachsende Risiko sozialen Absturzes hinweisen, sind die ansteigende Zahl der Sozialhilfebezieher, dramatisch zugenommen haben die Richtsatzergänzungen für Arbeitssuchende, was auf die anwachsende Zahl von Billig-Jobs zurückzuführen ist. Viele arbeiten voll mit teils zwei oder drei solcher Jobs und kommen trotzdem nicht über die Runden. Die Beratungs- und Hilfsorganisationen beobachten seit zwei Jahren:
Wartelisten in der Schuldenberatung, wachsende Zahl an Menschen in psychischen Krisen bei den psychosozialen Diensten, Anstieg Hilfesuchender in den Sozialberatungsstellen. Für viele wird es auch schwieriger, da wieder raus zu kommen. Die letzten verfügbaren Daten aus dem Sozialbericht dazu sagen, dass ein Drittel der Betroffenen dauerhaft unter den Bedingungen von Armut und Ausgrenzung festsitzt. Ein weitere Hinweis ist die überproportional steigende Jugendarbeitslosigkeit.", so Schenk.

Steigende Lebenshaltungskosten und sinkende Einkommen ganz unten bei geringerer solidarischer Riskenabsicherung führen auch in Österreich zu vermehrten Existenzkrisen. Der durchschnittliche Lohnersatz bei Arbeitslosengeld und Notstandshilfe ist von 2000 bis 2004 real um 3,6% gesunken Die Kosten für Wohnen und Energie sind enorm gestiegen und die hohe Belastung unterer Einkommen durch indirekte Steuern und Abgaben führen schnell an die Grenzen des verfügbaren Haushaltsbudgets", analysiert die Armutskonferenz.

Erfahrungsgemäß hat nun jede Partei ihre "Lieblingsarmen", was eine ganzheitliche Sicht in der Armutsbekämpfung erschwert. Neben Alleinerzieherinnen, Pensionistinnen und kinderreichen Familien gehören auch Migranten, Langzeitarbeitslose und working poor zu den hauptgefährdeten Gruppen.

"Mit verdrängen ("Gibt’s nicht), mit verharmlosen ("In Afrika ist`s schlimmer"), mit Sündenbock-Ideologie ("Wenn die nicht wären, wäre alles besser") wird sich die Lebenssituation der Betroffenen in Österreich nicht verbessern. Es braucht einen ganzheitlichen Approach, einen "integrierten Ansatz" wie es in den europaweiten Aktionsplänen am EU-Gipfel von Lissabon formuliert wurde", fordert Schenk.

So vermeiden zum Beispiel die höchsten Familiengelder allein Armut nicht, sonst müsste Österreich die geringste Kinderarmut haben; die hat aber Dänemark; mit einer besseren sozialen Durchlässigkeit des Bildungssystems, einem bunteren Netz von Kinderbetreuung wie auch vorschulischer Förderung und höheren Erwerbsmöglichkeiten von Frauen. "Arbeit schaffen" allein vermeidet Armut offensichtlich nicht, sonst dürfte es keine working poor in Österreich geben. Eine Familie muss von ihrer Arbeit auch leben können. Anti-Raucherkampagnen allein vermeiden das hohe Erkrankungsrisiko Ärmerer offensichtlich nicht, sonst würden arme Raucher nicht früher sterben als reiche Raucher.

"Armutsbekämpfung ist nur möglich, wenn Politik in Zusammenhängen denken kann. Statt isolierter Massnahmen der letzten Jahre müssen die zentralen Felder Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit und Soziales verwoben werden", verweist Schenk auf die Ergebnisse der Armutsforschung.

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