"Kleine Zeitung" Kommentar: "Steigt die Armut noch weiter, kommt uns das teuer zu stehen" (Von Peter Filzwieser)

Ausgab vom 06.12.2005

Graz (OTS) - Die Regale vor Weihnachten sind brechend voll. Die Wohlstandsverwöhnten stöhnen, dass sie den Geschenkkaufstress nicht mehr verkraften und zerbrechen fast an der Entscheidung, ob sie über die Feiertage lieber auf die Malediven oder die Seychellen fliehen sollen. Ungehemmt zelebriert die Spaßgesellschaft ihren Kaufrausch

Zeitgleich wächst das Heer der Armen in einem der reichsten Länder der Welt auf ein unerträgliches Maß. 460.000 Menschen leben in Armut. Fast 150.000 waren im Vorjahr auf Sozialhilfe angewiesen. Seit 1996 ist die Zahl der Sozialhilfeempfänger um 64 Prozent angestiegen. Zwei Euro haben diese Menschen nach Abzug der Fixkosten pro Tag zur Verfügung. Das ist das andere Gesicht des reichen Österreich.

Als der Wiener Caritasdirektor Michael Landau gestern deshalb Alarm schlug, ging es ihm wie allen Überbringern der schlechten Nachricht seit der Antike. Er wurde für seine "unqualifizierten Äußerungen" von der Regierung geprügelt und dafür gescholten, dass er Politik mache. Stolz wird darauf verwiesen, dass wir ohnehin jährlich Milliarden für Sozialtransfers ausgeben und "im europäischen Vergleich hervorragend" dastehen.

Nur trösten wird das die Betroffenen nicht: Über die Not der Armen können sich die politischen Verantwortungsträger nicht mit Statistiken hinwegturnen. Das soziale Haus Österreich brennt an allen Ecken und Enden. Die größte Arbeitslosigkeit seit Kriegsende ist neben der steigenden Armut ein weiteres Indiz dafür.

Das Abschieben der Verantwortung in den privaten Bereich wird das Problem jedenfalls nicht lösen.

Wie hilflos die Regierung auf soziale Herausforderungen reagiert, zeigte sich erst kürzlich. Jahrelang mutete man den Zivildienern zu, mit sechs Euro Taggeld ihr Leben zu fristen. Erst die Höchstrichter mussten "erkennen", dass man von diesem Bettel nicht überleben kann. Die Reaktion, "Im Ressortbudget ist kein Geld vorgesehen!" war bezeichnend.

Der Forderung Landaus nachzukommen, über eine bedarfsorientierte Grundsicherung vorurteilsfrei zu diskutieren, ist das mindeste, was man jetzt tun muss. Vor allem darf man diese Diskussion nicht gleich wieder abwürgen, indem man schreit: "Das können wir uns nicht leisten!"

Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht mehr weiter aufgehen. Wächst das Heer der Armen noch an, ist der soziale Frieden bedroht. Wenn wir für dieses Problem in absehbarer Zeit keine Lösung finden, wird uns das erst recht teuer zu stehen kommen.****

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