Menschen mit intellektueller Behinderung: Vieles wurde erreicht - die Bürgerrechte fehlen noch

Wien (OTS) - Enormes Interesse gab es heute, 5. Dezember 2005,
für die Veranstaltung "Rückblick mit Ausblick - Menschen mit intellektueller Behinderung von 1945 bis übermorgen" im Österreichischen Parlament. SelbstvertreterInnen stellten den politischen VertreterInnen vor einem beinahe überfüllten Saal ihre Forderungen für die Zukunft. Nebst einer auffallend hohen Aufmerksamkeit gab es einige Vorschläge und Versprechungen zur weiteren Verbesserung der Lebenssituation der Betroffenen.

Zu Beginn wies Univ.-Prof. Dr. Germain Weber, Präsident der Lebenshilfe Österreich, darauf hin, dass der Weg vom "Objekt der Fürsorge" zur Person mit Menschenrechten und Menschenwürde in den letzten Jahrzehnten beschritten werden konnte. Im Laufe der Vorträge und der Diskussion wurde jedoch ersichtlich, dass es noch ein weiter Weg zu normalen Bürgerrechten für Menschen mit intellektueller Behinderung ist.

Reklamiert wurde von den SelbstvertrerInnen vor allem eine Eingliederung in sozialversicherte Verhältnisse, die Lohn statt Taschengeld ebenso ermöglichen wie Pensionsanspruch und ein Wohnen im Alter in gewohnter Umgebung. Ausbildung und Schnittstelle zum Beruf, Freizeit und Berücksichtigung in den Medien waren ebenso stark vorgetragene Themen.

In der Diskussion wurden Schwierigkeiten im juridischen Bereich sowie in den gegebenen Strukturen sichtbar. Die Behindertensprecherin Partik-Pablé (Freiheitlicher Klub) wies vor allem auf Probleme der Finanzierbarkeit hin, währen Theresia Haidlmayr von den Grünen vom fehlenden politischen Willen sprach.

Innerhalb dieser Bandbreite wurde aber auch durch Vorschläge von Christine Lapp (SP) und Franz Joseph Huanigg (VP) ersichtlich, dass alle Anwesenden die Veranstaltung sehr ernsthaft als Neubeginn zu weiteren Schritten zur Inklusion von Menschen mit intellektueller Behinderung betrachteten. Lapp empfahl eine umfassende Integration, die auch vor Jugendzentren und diversen Veranstaltungen nicht Halt machen darf. Huainigg sprach sich vor allem gegen den Druck aus, der für werdende Mütter entsteht, die ein Kind mit Behinderung zur Welt bringen wollen und forderte hierzu Unterstützung sowie eine Abschaffung der sogenannten eugenischen Indikation, die eine Abtreibung über die 20. Schwangerschaftswoche ermöglicht. Partik-Pablé warb für ein regelmäßiges politisches Treffen, das sich mit der Thematik der Zuständigkeit von Bund und Ländern in diesen Fragen beschäftigen soll. Haidlmayr sieht die Situation der Betroffenen grundsätzlich als eine Frage der Rechte.

Dr. Maria Bruckmüller, Ehrenpräsidentin der Lebenshilfe Österreich, zielte mit ihrer Rede auf ein historisches Verständnis der Anliegen und Bedürfnisse und der paradigmatischen Veränderungen und fand ein sehr offenes Ohr bei den politischen Vertretern. Univ.-Doz. Dr. Ernst Berger, Facharzt Kinder- und Jugendpsychiatrie vom Neurologischen Rehabilitationszentrum Rosenhügel, ging ebenfalls von historischen Blickpunkten aus und warnte vor einem Neuaufkommen des Biologismus vor allem durch die Fantasien des Bio-Engineerings. In diesem Zusammenhang wies er der Psychiatrie eine hohe Mitschuld bei der Ausrottung des Lebens von Menschen mit Behinderung im Dritten Reich zu. Die Psychiatrie habe getötet und besitze nun eine ewige Hypothek, sagte Dr. Berger.

Die Veranstaltung auf Einladung des Nationalratspräsidenten Dr. Andreas Khol und der Parlamentsfraktionen, initiiert von der Lebenshilfe Österreich gemeinsam mit Caritas Österreich, Diakonie Österreich, Integration: Österreich, Jugend am Werk und Vienna People First, wurde von allen Beteiligten als Beginn eines neuen und intensiven Diskurses betrachtet.

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Dr. Walter Michelson
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