Herzlich willkommen, solange ihr nicht stört!

"Presse"-Leitartikel von Florian Asamer

Wien (OTS) - Gelungene Integration vieler Behinderter ist kein Grund, jene zu vergessen, die nicht integriert werden können.

Wer sich mit behinderten Menschen nicht auseinander setzen muss (und das auch nicht will), dem wird in der Regel ein beruhigender Eindruck vermittelt: alles halb so wild, alles paletti, alles wegintegriert! In der öffentlichen Wahrnehmung übrig geblieben sind oft nur ein paar lachende, pflegeleichte, immer glückliche Jugendliche, die sich in "Ich-bin-ok-du-bist-ok"-Fernsehspots zufrieden in den Armen liegen. Dass darüber hinaus drängende Probleme bestehen, tropft immer nur in der Adventzeit oder zu Anlässen wie eben dem Weltbehindertentag ins kollektive Bewusstsein durch.
Das ist auch eine Folge der Integrationsbemühungen, die inzwischen als allein gültiges Rezept im Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen (so die politisch korrekte Bezeichnung, die auch dazu führt, die Problematik kleiner scheinen zu lassen, als sie tatsächlich ist) angesehen werden.
Doch so wichtig, richtig und im Grunde selbstverständlich die Nicht-Ausgrenzung von körperlich, geistig und psychisch beeinträchtigten Menschen ist, so gefährlich ist die Dynamik, die diese Integrationslogik in der Gesellschaft entwickelt. Denn durch bloßes Einbeziehen der Behinderten lassen sich zwar manche, aber längst nicht alle zum Teil dramatischen Probleme der Betroffenen und ihres Umfeldes lösen.
Die Einstellung, es reiche aus, bestehende Strukturen beizubehalten, und wo es unbedingt nötig ist und nicht wehtut, ein bisserl für Behinderte zu öffnen, ist das vorherrschende Muster und hat nur einen tieferen Grund: Es ist den meisten von uns schlicht zu mühsam, sich auf jene einzustellen, die ohne fremde Hilfe nicht zurechtkommen können. Zu beobachten ist dieses Phänomen übrigens auch in einem gar nicht tabuisierten Bereich - im Umgang mit Kindern. In beiden Fällen gilt viel zu oft das Motto: Seid herzlich willkommen, solange ihr uns nicht stört!

Ein anschauliches Beispiel für die beschriebene Entwicklung ist die Schule: Da wurde in den letzten Jahren versucht, alle Kinder, die auch nur irgendwie in "normalen" Schulen unterbringbar sind, aus den klassischen Sonderschulen herauszunehmen. Doch über diese an sich positive Entwicklung wurde vergessen, dass es immer noch viele Kinder gibt, die einfach nicht in ein Regelschulsystem eingegliedert werden können. Kinder, die zu pflegebedürftig, zu verhaltensauffällig, zu lernschwach, zu schwer körperbehindert etc. sind, um am Standardunterricht teilnehmen zu können.
Diese Kinder bleiben in - oft unterdotierten - Einrichtungen zurück, von denen aus Kontakte mit der Außenwelt nur mühsam und viel zu selten durchführbar sind (übrigens wurde der aktuell diskutierte Mangel an Stützlehrern fast ausschließlich im Zusammenhang mit der sprachlichen Förderung von fremdsprachigen Volksschulkindern, nie aber im Bereich der Schulen für Schwerstbehinderte problematisiert. Kein Wunder: Wie viele Menschen wissen schon von der Personalnot etwa in "basalen" Klassen, in denen schwerstbehinderte Kinder betreut werden, die alleine gar nichts können?).
Ähnlich geht es vielen Angehörigen, die oft völlig auf sich gestellt bis zur Selbstaufgabe ein Leben lang ihre behinderten Kinder, Partner, Geschwister pflegen. Die nicht lösbaren (aber erleichterbaren) Schwierigkeiten, die sich da auftun, kann wohl (wie bei vielen Erfahrungen mit großem Leid) niemand ermessen, der eine solche Situation nicht selbst erlebt hat. Eine Gesellschaft, die Alter, Krankheit, Tod und - ja auch - Behinderung konsequent tabuisiert, um sich nicht mit den Schattenseiten menschlichen Lebens auseinander setzen zu müssen, aber schon gar nicht.
Für die Politik bedeutet das die Verpflichtung, entschlossener als bisher dafür zu sorgen, dass diese so benachteiligte Gruppe alle nur erdenkliche Unterstützung erhält. Das beginnt bei den berühmten Rampen und leicht erreichbaren Liften, Toiletten, öffentlichen Verkehrsmitteln, Lokalen, Geschäften etc., die - jeder der regelmäßig mit einem Rollstuhlfahrer unterwegs ist, weiß es - nach wie vor keine Selbstverständlichkeit sind, geht über gesetzliche Bestimmungen, die Berufstätigkeit von Behinderten fördert, und reicht bis zur intensiven Beschäftigung mit dem Großthema Pflege, das jetzt schon eine der zentralen sozialen Herausforderungen unserer Gesellschaft geworden ist.
Doch sich auf den Staat und die Wirkung von Integrationsschritten zu verlassen ist zu wenig. Jeder Einzelne von uns ist gefordert, selbst dafür zu sorgen, dass es behinderten Menschen leichter gemacht wird. Diese Verantwortung besteht nicht nur im Advent - sondern das ganze Jahr über.

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