DER STANDARD-Kommentar "Nur keine Pauschalurteile" von Gerfried Sperl

Schweizer Gentechnikverbot sollte Forschung und sinnvolle Nutzung nicht hemmen - Ausgabe vom 29.11.2005

Wien (OTS) - Der Neuen Zürcher Zeitung ging die Ablehnung der agrarischen Gentechnik so sehr gegen den Strich, dass sie in ihrer internationalen Montagausgabe das Ergebnis nicht in den Rang eines Aufmachers hob. Das Bild des Tages und die Schlagzeile waren Sri Lanka gewidmet: Obwohl der Ausgang des Schweizer Referendums auch die europäische Landschaft stark beeinflussen wird.

All jene Länder, darunter Österreich, die sich jetzt schon gesetzlich gegen den Anbau von gentechnisch verändertem Mais, Weizen oder Raps wehren, sind gestärkt. Unterstützt werden dadurch auch die Grünen, für die Gentechnik von Anfang an ein Schritt in den Untergang gesunden Lebens war. Genau an diesem Punkt aber ist zu differenzieren. Nicht jede Gentechnikvariante ist schlecht und deshalb abzulehnen. Warum?

Fundamentalistische Gentechnikgegner kriegen spätestens dann ein Problem, wenn bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung in der eigenen Familie nur noch gentechnisch entwickelte Medikamente helfen können. Die Medizin eignet sich daher nur wenig für politische Auseinandersetzungen.

Viel mehr Stoff für Diskussionen bergen die Versuche, dem Hunger in der Dritten und Vierten Welt durch Gen- und Biotechnik zu begegnen. Einerseits ist zu überlegen, ob es vertretbar ist, gerade wegen der Umweltrisiken die kostengünstige Versorgung mit Grundnahrung zu unterlassen. Andererseits weckt die wachsende monopolistische Macht von Großkonzernen und deren politischen Wünschen immer größeres Misstrauen.

Diese Bedenken werden in grünen Fundi-Kreisen ohne weitere Debatte auf alle Bereiche der Biologie übertragen. Ein gutes österreichisches Beispiel sind Forschungen, die bedrohte Wachauer Marille durch gentechnische Eingriffe zu retten. Weil jede andere Methode fehlgeschlagen ist. Nicht wenigen Politikern kommt die Pflicht der Unterscheidung abhanden: "Gentechnik, nein danke. Ich möcht doch meine Wähler nicht verlieren." Die Zahl der "Schweizer" wird sich stark vermehren, vor allem unter jenen, deren Infoquellen Gratismedien und -magazine sind.

Selbst das Schweizer Verbot betrifft nur den Anbau. Wie in Österreich und in vielen anderen EU-Ländern ist der Import von Futtermitteln (die - in der Diktion der Gegner - "genverseucht" oder milder "genverunreinigt" sind) zugelassen. Bei Soja sind es in Österreich achtzig Prozent.

Bei Tabletten und Impfungen der Human- und Tiermedizin wächst die Zahl der zugelassenen gentechnisch entwickelten Präparate wöchentlich. Die Kosten steigen freilich mit.

Weil wissenschaftlicher Fortschritt in der Grundlagenforschung (ohne konkretes Anwendungsziel) beginnt, sind und wären Behinderungen der Genforschung ein schwerer Rückschlag. Beispiel Freisetzungsexperimente. Gesetze und Ethik-Kommissionen regulieren ohnehin jedes Vorhaben - weil keines ohne Förderung betrieben werden kann. Umso wichtiger ist daher, Referenden wie jenes in der Schweiz nicht falsch zu deuten: Als generelles Gentechnikverbot zum Beispiel.

Für Österreich ergeben sich trotzdem einige Schlüsse aus der Schweizer Abstimmung. 1. Kein Stopp der Basisforschung auf dem Gebiet der Biotechnologie. 2. Investitionen in die Risikoforschung, um Sicherheiten zu erhöhen und Pauschalierungen vorzubeugen. 3. Fortsetzung der restriktiven Politik bei genmanipuliertem Anbau. 4. Ausweitung der Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln.

Wenn das Schweizer Beispiel Schule macht, werden sich auch die politischen Allianzen verändern. Der Eintritt des Bauernverbandes in die am Sonntag siegreiche rot-grüne Allianz hat die eidgenössische Wirtschaft politisch geschwächt. In Österreich profitiert davon zweifellos der Agrarminister. Sein Einfluss in der Volkspartei wächst - zusammen mit dem Bedauern, es nach den Wahlen im Jahre 2002 nicht gleich mit Schwarz-Grün probiert zu haben.

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