Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Kinder und Zölle

Ein Theaterpreis, der zu Recht von den Casinos gesponsert wird:
Schließlich erfährt niemand genau, nach welchen Abstimmungsmodalitäten da die Preisträger fixiert werden. Da passt es schon, dass statt der auf Seriosität bedachten Bank die Profiteure des blinden Zufalls die Peinlichkeit unter dem Sowjetstern sponsern, die der ORF zu Recht erst zu nachtschlafener Stunde überträgt. Nach dem Prinzip "Zufall" ist auch ein Autor preisgekrönt worden, der - unter dem Beifall der Rathaus- und Kultur-Schickeria - an Stelle eines Kopfgelds auf die Al-Kaida-Terroristen ein solches auf den US-Präsidenten empfiehlt. Nun, an diesem ist viel zu kritisieren. Aber hier werden die moralischen Maßstäbe total auf den Kopf gestellt - von einem angeblichen Gewissen der Nation.
Wenn der Zufallspreisträger schon nicht selbst die Unterschiede zwischen einem demokratischen Politiker und den aggressivsten Terroristen der Geschichte begreift, so könnte er ja Afghanistan, Irak und die USA besuchen. Aber Vorsicht: Zu viel Realität macht die schönste Literatur kaputt.

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Eine Enquete im Parlament über die Rechte kleiner Kinder ist lobenswert. Grauslich ist es jedoch, wenn dazu Kinder mit Transparenten aufmarschieren, auf denen politische Ausdrücke stehen, die die Kleinen mit Sicherheit nicht verstehen (und schon gar nicht rechtschreiben können). Das ist in Wahrheit ein ziemlich übler Fall von Kindesmissbrauch.

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Jörg Haider hat zwei neue Ideen: Er fordert Spekulationssteuern und Schutzzölle gegen billige Importe. Vielleicht sollte er wieder einmal ein paar Wochen heimlich auf einer Wirtschafts-Universität nachlernen, wie schon vor vielen Jahrhunderten Schutzzölle Völker in die Armut getrieben haben. Auch wenn jetzt Bauern, Zünftler und Gewerkschafter Beifall klatschen, weil sie nicht begreifen, dass Schutzzölle am Ende allen schaden und dass "Spekulation" über künftige Preise der Motor jeder Marktwirtschaft ist. Relativ wenig Spekulationen gab es nur unter Stalin oder Kim-Il-Sung.

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