WirtschaftsBlatt Kommentar vom 29.11.2005: Von Iglo lässt sich einiges lernen - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Aus dem Fall Iglo/Austria Frost, der derzeit das Marchfeld erschüttert (siehe Bericht Seite 2), lässt sich einiges lernen. Zum Beispiel, dass Unternehmen, die ihre Bilanz über eine Sale-and-lease-back-Konstruktion zu sanieren versuchen, mit der nötigen Vorsicht zu begegnen ist. Denn der Verkauf des Werks und eine langfristige Rückmiet-Vereinbarung (die damals vielleicht akzeptabel aussah, sich jetzt aber als unfinanzierbare Dauerbelastung herausstellt) waren ja der Anfang von dem sich jetzt abzeichnenden Ende der Tiefkühlproduktion im Marchfeld.
Was es noch zu lernen gibt: Es ist auch mit Vorsicht zu betrachten, wenn ein Konzern Teilunternehmen verkauft. Wenn es nicht für den Käufer Synergien gibt, die der Verkäufer nicht lukrieren hätte können, gibt es keinen vernünftigen Grund, warum sich die Wirtschaftskraft des ausgegliederten Unternehmens dadurch verbessern sollte. Falls das nicht schon klar gewesen sein sollte, hat es Austria Frost - jenes Unternehmen, das die Tiefkühlfertigung von Iglo übernommen und jetzt in die Pleite geführt hat - bewiesen.
Diese Erkenntnis sollte auch jedem klar sein, der über einen Kauf nachdenkt, wenn Unilever jetzt gleich die ganze Tiefkühlsparte auf den Markt werfen will: Ein Finanzinvestor kann dabei eigentlich nur draufzahlen. Wenn überhaupt, kann nur ein anderer grosser Tiefkühlerzeuger durch diesen Kauf Vorteile erzielen.
Übrigens sind die Schwierigkeiten der Unilever-Tiefkühlsparte auch ein Indiz dafür, dass die Zeit der grossen Mischkonzerne wieder einmal vorbei ist. Es ist ja einer der grossen Megatrends, dass Konzerne zur Risikodiversifizierung und zur Schaffung von Synergien in Werbung und Vertrieb auch Unternehmen aus fremden Branchen in ihr Imperium eingliedern - bis Teile des Konzerns (oder manchmal auch das gesamte Gebäude) ins Wackeln geraten und die grosse Gegenstrategie eingeschlagen wird, die da heisst: Rückbesinnung auf die eigene Kernkompetenz.
Was Unilever aus der Iglo-Misere lernen kann, ist jedenfalls, dass es die Konsumenten schon als Chuzpe empfinden werden, wenn ein Konzern einerseits auf Nationalgefühl setzt, indem er sich die österreichische Ski-Nationalmannschaft als Werbeträger anlacht, und andererseits die einzige österreichische Produktionsstätte zum Abschuss freigibt. Das kann sich vielleicht ein Investitionsgüterhersteller leisten, für einen Erzeuger von Konsumprodukten kann es ins Auge gehen.

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