"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Revolution in Orange ist noch lange nicht zu Ende" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 24.11.2005

Graz (OTS) - Je größer die Hoffnungen, umso schwerer ist oft die Enttäuschung: Im November 2004 zogen tausende Ukrainer mit orangen Schals durch Kiew, um den Panzern zum Trotz den Wahlsieg von Viktor Juschtschenko durchzusetzen und das autoritäre Regime unter Janukowitsch zu stürzten.

Ein Jahr später ist der Lack der Revolution verblasst, und der einstige Oppositionsführer Juschtschenko hat als Präsident in kurzer Zeit viel Kapital verspielt: "Pseudorevolutionäre gehören auf die Müllhalde der Geschichte!", schmetterten ihm vor wenigen Tagen wütende Demonstranten entgegen.

Die Geschichte wird Juschtschenko wohl mild behandeln - immerhin hat er eine unblutighe Revolution zustande gebracht. Doch damit, was er seit dem Machtwechsel geleistet hat, wird er nicht berühmt werden. Von den großen Reformplänen blieb vieles in den Anfängen stecken. Streitigkeiten in der Regierung schreckten Investoren ab, das Wirtschaftswachstum halbierte sich, die Preise zogen an. Die inzwischen gefeuerte Regierungschefin Julia Timoschenko kochte ihr eigenes Süppchen. Die versprochene Justizreform blieb aus und auch der Graben zwischen dem Westen und dem Osten des Landes ist nicht zusammengewachsen. Letztlich hatte der vom Giftanschlag seiner politischen Gegner gezeichnete Juschtschenko zu wenig Durchsetzungskraft und Strategie.

Das Ergebnis ist, dass Umfragen zufolge nur noch 17 Prozent der Bevölkerung Juschtschenko für vertrauenswürdig halten - Janukowitsch vertrauen 18 Prozent. Und bei den Parlamentswahlen im März 2006 könnten die Orangen von der alten Garde überholt werden.

Ist die Revolution gescheitert? Grob gesprochen lässt sich sagen, dass die Ukraine im Trend der übrigen Transformationsländer liegt:
Nach einer Weile sind die Bürger enttäuscht, weil es eben länger dauert, bis sich der Umbruch positiv auf die Geldbörsen auswirkt. Was politische Freiheiten angeht, hat sich sehr viel verändert - doch Freiheit weiß man meist dann zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat.

Gescheitert ist die Revolution noch nicht; sie ist aber noch nicht am Ende, denn es geht nicht nur darum, die Köpfe an der Spitze auszutauschen, sondern ein System umzubauen.

Die Europäische Union, die Juschtschenko seinen Anhängern als Endziel seiner Reformreise verspricht, hat derzeit wenig Konkretes anzubieten. Das Mindeste wäre, dem Juschtschenko-Lager unter die Arme zu greifen, um seine Reformarbeit zu professionalisieren. Damit die Orangen am Wahltag nicht vertrocknen. ****

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