WirtschaftsBlatt Kommentar vom 23.11.2005: Auswanderer kurbeln Wirtschaft an - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Wenn alles global ist, dann muss auch die Migration, die bei uns in Österreich simplifiziert als Ausländerfrage ankommt, in globalen Wirtschaftsmassstäben gesehen werden. Die Weltbank rechnet, dass durch die moderne Völkerwanderung 200 Millionen Menschen in anderen Staaten als ihrer Heimat arbeiten. Die Mehrheit von ihnen wird nicht viel Geld in die Hand bekommen, und dennoch lösen alle zusammen einen enormen Geldstrom aus. 2005 dürften die Auswanderer nahezu 200 Milliarden Euro in ihre Heimatstaaten überweisen.
Der Hauptstrom bewegt sich von den Industriestaaten in die Entwicklungsländer, aber doch auch umgekehrt, beispielsweise sogar nach Deutschland, denn auch Diplomaten und internationale Beamte schicken Geld. Für die Entwicklungsländer machen Zuflüsse einen spürbaren Teil des Bruttoinlandsprodukts aus, bei den ärmsten der armen Staaten kann die Zubusse auf 30 Prozent steigen, also regelrecht zur Abhängigkeit führen. Das Positive daran: Die transferierten Gelder kommen im Allgemeinen bei denen an, denen sie gehören sollen, also bei den Familien. Und fliessen nicht, wie das bei manchen Entwicklungshilfe-Programmen der Fall war, sofort in die Tasche der Potentaten.
Für Österreich ist der Vorgang im Einzelnen nichts Neues, denn schon die klassischen "Gastarbeiter" haben nichts lieber gemacht, als in Österreich legal oder auch schwarz zu hackeln, sparsam zu leben und alles, was übrig blieb, nach Hause zu bringen. Das geht nach den kriegsbedingten Flüchtlingswellen noch heute so, denn der Weltbankbericht nennt ausdrücklich Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro als jene Staaten, die zu 20 Prozent von den Geldern ihrer Auswanderer abhängig sind.
Das wird lange so bleiben, weil die wohlhabenden Industriestaaten wegen ihrer Kinderarmut zunehmend auf einwandernde Arbeitskräfte angewiesen sein werden. Es entsteht also neben öffentlichen Entwicklungsprojekten oder auch grossspurig angekündigten Hilfsprogrammen, die in der Realität sehr rasch versanden, ein marktwirtschaftlich bedingter Ausgleich. Das ist zwar zu wenig, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu schliessen, aber doch so viel, dass in den Empfängerländern die Wirtschaft etwas in Schwung kommt und jene Importe ermöglicht, die zu unserer Freude bei uns als Exporte weggehen. Das "Ausländerproblem" wird dabei nicht gelöst, aber doch in eine freundlichere Perspektive gerückt.

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