WirtschaftsBlatt Kommentar vom 22.11.2005: Auch Grosse können von den Familien lernen - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Familienunternehmen werden gewöhnlich mit Solidität und Vertrauenswürdigkeit assoziiert - Dynamik ist nicht die vorstechendste Eigenschaft, die einem einfällt, wenn man an Familienbetriebe denkt.
Welch ein Irrtum. Nach einer eben veröffentlichten deutschen Studie haben die 30 grössten nicht börsenotierten deutschen Familienunternehmen - darunter freilich auch Perlen wie Oetker, Lidl oder Aldi - im abgelaufenen Geschäftsjahr ihren Umsatz um durchschnittlich 12,6 Prozent gesteigert.
Zum Vergleich: Die 30 grössten DAX-Unternehmen - als Börsestars gleichsam das Sinnbild für Dynamik - konnten ihre Umsätze im gleichen Zeitraum nur um 4,7 Prozent steigern. Also: Familienunternehmen wachsen fast dreimal so schnell wie börsenotierte Konzerne.
Das sieht nur auf den ersten Blick überraschend aus. Denn als Hauptgrund für den Wachstumsvorsprung identifizieren Experten die kurzen Entscheidungswege, die vor allem dadurch entstehen, dass die Verbindung zwischen Unternehmen und Eigentümern bei Familienunternehmen natürlich viel enger ist als bei börsenotierten Unternehmen, in denen der Streubesitz überwiegt.
Vor allem aber unterscheiden sich die unterschiedlichen Eigentumsformen durch unterschiedliche Zugänge zum Unternehmen:
"Familienunternehmen verknüpfen das Überleben des Unternehmens eng mit dem Überleben der Familie als Eigentümergemeinschaft", meint Fritz Simon vom Institut für Familienunternehmen der Privatuniversität Witten/Herdecke.
Das schaffe einen ganz anderen Managementstil. Rein börsenotierte Konzerne orientierten sich hingegen eher an kurzfristigen Zwängen des Kapitalmarkts.
Das überrascht nun allerdings wirklich: Schliesslich entsteht diese kurzfristige Orientierung an den Kapitalmärkten vor allem aus dem Bestreben, kurzfristige Wachstumserfolge zu sichern. Wenn sich jetzt herausstellt, dass längerfristig angelegte Strategien besser geeignet sind, auch kurzfristiges Wachstum zu generieren, entpuppt sich das hektische Streben nach schnellem Wachstum als grund-sätzlicher Irrtum.
Ein Irrtum, der sich freilich vermeiden lässt.
Denn niemand hindert auch börsenotierte Konzerne daran, über den nächsten Quartalsbericht hinaus zu denken und nachhaltige Strategien zu fahren. Von Familienunternehmen lässt sich einiges lernen.

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