"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jörg - ein Zauberlehrling im mehrfachen Schwitzkasten" (von Reinhold Dottolo)

Ausgabe vom 17.11.2005

Graz (OTS) - Man stelle sich vor: Ein gut gefüllter Saal in Klagenfurt, in dem mit Polemik, mit deftigen Untergriffen und zum Gaudium des Publikums mit einem Politiker abgerechnet wird - aber nicht Jörg Haider ist der Angreifer, sondern der Verhöhnte. Undenkbar bis vor kurzem. Wäre Helmut Qualtinger noch am Leben und am Dienstag bei der Kundgebung der "echten" FPÖ im Konzerthaus der Kärntner Landeshauptstadt dabei gewesen - der Kabarettist würde seine zum geflügelten Wort gewordene Meinung ändern: Simmering-Kapfenberg, das war einmal der Gipfel der Brutalität.

Das Duell, das sich in Kärnten zwischen Jörg Haider und Heinz-Christian Strache für die kommenden Nationalratswahlen abzeichnet, birgt alle Ingredienzien in sich, die viel zitierte Fußballschlacht zum Freundschaftstreffen zu degradieren: Für den orange gewordenen Noch-Bundeschef des abgespalteten Bündnisses Zukunft Österreich wie auch für den blau gebliebenen Neo-Obmann der FPÖ geht es im Herbst 2006 um alles. Haider muss in Kärnten ein Grundmandat erreichen, um das bisher glücklose Bündnis überhaupt in den Nationalrat zu bringen. Gelingt es Strache, dies zu verhindern und nach Wien auch österreichweit ein respektables Ergebnis für die FPÖ einzufahren, dann wäre das Kapitel BZÖ Geschichte und die Führungsrolle des Wieners im "Dritten Lager" einzementiert.

Es ist deswegen keine Überraschung, dass Heinz-Christian Strache und seine rechts-rechten Mitstreiter die Entscheidung im Land der Karawanken suchen. Die nationale Kernschicht der FPÖ hat hier die Gründung des "orangenen Zwetschenklubs" (Originalton Ewald Stadler) stets als charakterlos empfunden. Genau diese Stimmen sind es, die dem BZÖ am Ende abgehen können. Um sie zu werben fällt Strache indes leichter als Haider. Der Wiener muss nur die Geister bemühen, die Haider seinerzeit wie der Zauberlehrling in der Ballade selbst aus der Flasche gelassen hat: gegen Multi-Kulti, gegen EU-Auswüchse, gegen Eurofighter und gegen Globalisierung wettern können die Alt-FPÖler allemal vehementer als die durch ihre Regierungsbeteiligung gezähmten BZÖler.

Zu Haiders Zores mit seinen ehemaligen Parteifreunden gesellen sich aber noch andere: Die SPÖ in Kärnten konsolidiert sich gerade unter einer neuen, unverbrauchten Vorsitzenden und auch die VP im Lande positioniert sich besser als zuletzt. Ein mehrfacher Schwitzkasten sozusagen. Selbst wenn man seine Qualitäten als Wahlkämpfer kennt:
Allzu gut sind die Karten für Jörg Haider derzeit nicht.

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