Sperrfrist: 14. November 17.30 Uhr Grußworte von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer anlässlich der Konferenz "ISLAM IN A PLURALISTIC WORLD" am 14. November 2005

Wien (OTS) - Sehr geehrte Herren Staatpräsidenten!
Eminenzen, Exzellenzen!
Meine Damen und Herren!

Ich freue mich, Sie alle bei einer wichtigen Konferenz mit einem sehr aktuellen Thema willkommen zu heißen, einer Konferenz, die sich zum Ziel setzt, zu einem vertieften Verständnis des Islam und der islamischen Bewegungen in unserer Zeit beizutragen.

Dass wir aus diesem Anlass neben dem Herrn Staatspräsidenten der islamischen Republik von Afghanistan, Hamid Karzai, und dem Herrn Präsidenten der Republik Irak, Jalal Talabani, auch den langjährigen Präsidenten des Iran, Herrn Mohammad Khatami, den Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I und viele weitere herausragende Persönlichkeiten aus der weiten Welt des Islam, begrüßen können, erfüllt uns mit Freude undZuversicht. Es hilft uns besser zu verstehen, auf welch vielfältige Weise in den Ländern mit islamischer Bevölkerung Antworten auf grundlegende Frage unserer Gegenwart und Zukunft gesucht werden.

Angesichts immer wieder aufflammender Konflikte mit islamischen Strömungen und Gruppierungen, erscheint die geistige Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen in Form eines sachlichen Dialoges wichtiger denn je. Dieses Bemühen setzt eine lange österreichische Tradition von Initiativen für einen interreligiösen und interkulturellen Dialog fort, zu dem auch mein Amtsvorgänger, Thomas Klestil, engagiert und sehr verdienstvoll beigetragen hat. Ich denke insbesondere an die Veranstaltung "Dialog der Religionen als Mittel zur Stärkung des Friedens und der Kooperation" hier im

großen Redoutensaal der Wiener Hofburg anlässlich des Besuchs von Staatspräsident Mohammad Khatami im März des Jahres 2002.

Was damals festgestellt wurde, gilt heute umso mehr: In der einen Welt, in der wir leben, muss das Prinzip der Toleranz ein tragendes Fundament des Dialogs zwischen den Kulturen und Religionen darstellen.

Wie aber lässt sich das Prinzip der Toleranz und der Gewaltfreiheit im gesellschaftlichen Alltag verwirklichen und wie lässt sich verhindern, dass es zum bloßen Lippenbekenntnis wird? Für ganz entscheidend halte ich, dass der Dialog von einer elitären, wissenschaftlichen Ebene auch zu den Menschen in unseren Gesellschaften getragen wird. Zwei Grundsätze müssen uns beim Herangehen an die komplexen Probleme, mit denen unsere Gesellschaften konfrontiert sind, leiten: Der Grundsatz des Respekts vor dem religiösen Bekenntnis anderer und der Grundsatz der gesellschaftlichen Integration.

Im Zug der Menschheitsgeschichte hat sich ein Katalog von Menschenrechten herausgebildet, der heute zum festen Bestand der Rechtsordnung der internationalen Gemeinschaft gehört. Hiezu zählt das Recht auf Gedanken -, Gewissens- und Religionsfreiheit. Diese Rechte zu garantieren, gehört zu den vornehmsten Pflichten des Staates. Es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, dass es in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein hohes Niveau des Schutzes dieser Rechte gibt. Dies reflektiert auch den Respekt, den eine Religion wie der Islam in Europa beanspruchen kann und den Österreich mit seinen heute 400 000 islamischen Bewohnern als eines der ersten europäischen Länder mit der gesetzlichen Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft bereits im Jahre 1912 unter Beweis stellte. Dieser Respekt ist umso mehr gerechtfertigt, als der Islam - denken wir beispielsweise an Andalusien - mit dem gemeinsamen europäischen Kulturerbe aus das Engste verflochten ist; es hat bekanntlich Epochen gegeben, in denen in islamischen Staaten ein Höchstmaß an Toleranz gegenüber anderen Glaubensüberzeugungen herrschte. Eine Symbiose die eine beispielhafte gegenseitige kulturelle und wissenschaftliche Befruchtung und Bereicherung ermöglicht hat. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die berühmte Parabel im "Nathan der Weise" des Schriftstellers LESSING. Im Islam liegt somit ein Potential von Friede und Zusammenarbeit. Nicht der Kampf der Kulturen wird uns Gerechtigkeit und Fortschritte bringen, sondern nur der Dialog der Kulturen!

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

Millionen von Muslimen leben heute in den Staaten der Europäischen Union, viele bereits als EU-Bürger, viele als erst in jüngster Zeit Zugewanderte. Und vieles deutet daraufhin, dass sich diese Migrations - Bewegung fortsetzen wird. Es wird daher vermehrter Anstrengungen bedürfen, um sicher zu stellen, dass auch neu Eingewanderte bei Wahrung der religiösen Identität ihren Platz in der Gesellschaft suchen und erhalten. Dies setzt voraus, dass ihnen ohne Diskriminierung ermöglicht wird, Arbeit zu finden, Bildungschancen wahrzunehmen und am Wohlstand sowie am sozialen und politischen Leben teilzunehmen. Die Schwierigkeiten kultureller Anpassung müssen gemeistert werden, die Gefahren der Ausgrenzung und der Ghettobildung vermieden werden. Die neue Heimat wiederum also Europa erwartet die Achtung ihrer Gesetze, eine Identifikation mit der demokratischen pluralistischen Gesellschaft und betrachtet die soziale Kohäsion, welche in den EU-Staaten erzielt wurde, als eine große Errungenschaft. Die gegenseitigen Ansprüche lassen sich aber nur vereinen, wenn sowohl Mehrheitsbevölkerung als auch neue Minderheiten ein hohes Maß von Anpassungsbereitschaft und Toleranz zeigen. Nicht jeder ist darauf schon vorbereitet. Bisherige Modelle des Zusammenlebens werden unter dem Druck der Verhältnisse auf die Probe gestellt, besonders wenn es zu Gewaltakten kommt, wie wir sie erst wieder dieser Tage bedauerlicherweise auf unseren Fernsehschirmen erleben mussten. Im Grundsätzlichen freilich wissen wir, auf was wir hinarbeiten müssen: Nicht auf Assimilation aber auf Integration bei Wahrung der Identität, auf die umfassende Teilnahme auch der neuen Bürger am Leben der Demokratie.

Ich bin überzeugt, dass diese Konferenz auch in dieser Hinsicht wichtige Impulse geben wird und wünsche uns allen, dass die Ergebnisse dieser Konferenz sich als eine begehbare Brücke in eine friedliche Zukunft erweisen mögen.

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