WirtschaftsBlatt Kommentar vom 15.11.2005: Österreich braucht keine "Reichensteuer" - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Viel kann sich Österreich von der schmerzhaften Schocktherapie der nächsten deutschen Bundesregierung wohl nicht abschauen. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die schrittweise Anhebung des Pensionsalters auf 67 Jahre, die Streichung von Eigenheimzulage und bisheriger Pendlerpauschale, die geplante Einsparung beim Arbeitslosengeld, Nullrunden für Rentner - allesamt beinharte Massnahmen, die zwar den armen Deutschen drohen, aber unserem Land hoffentlich erspart bleiben.
Die so genannte "Reichensteuer", die von der SPD durchgedrückt wurde, ist hingegen ein Signal, das auch für Österreich durchaus eine Überlegung wert wäre. Nachdem Deutschlands grosse Koalition den Spitzensteuersatz bei Alleinverdienern mit einem Jahreseinkommen ab 250.000 Euro von 42 auf 45 Prozent anheben wird und aus diesem Titel jährliche Mehreinnahmen von 1,5 Milliarden Euro erwartet, zeichnet sich bereits ab: Im kommenden Jahr wird das mit Sicherheit auch bei uns ein beliebtes Wahlkampfthema sein.
Damit zunächst einmal kein Missverständnis entsteht: Prinzipiell wird jeder vernünftige Mensch hier zu Lande für eine Senkung des ohnedies schon unerträglichen Spitzensteuersatzes eintreten - wir selbstverständlich auch. Ein Manager soll nicht bestraft und demotiviert werden, weil er mehr leistet als andere. Bei den absoluten Top-Gagen indes - das ist bei verheirateten Spitzenmanagern ein Bruttojahreseinkommen von 500.000 Euro aufwärts - wären drei Prozent mehr Steuerleistung bestimmt keine Zumutung, sondern ein Zeichen der Solidarität mit den Ärmsten, jenen ohne Job. Ein Siegfried Wolf (Magna), Wolfgang Ruttenstorfer (OMV) oder Andreas Treichl (Erste) etwa würden eine derartige Solidaritätsabgabe wohl lässig verkraften und ihren Lebensstandard zweifellos aufrechterhalten können. Insgesamt würde man in Österreich auf diese Weise schätzungsweise so um die 100 Millionen Euro einheben können. Ich bin überzeugt, dass die meisten der Super-Verdiener zu so einem Obolus bereit wären - sofern dieses Geld nicht in irgendeinem Budgetloch verschwindet, sondern zweckgebunden zur Unterstützung von tausenden Langzeit-Arbeitslosen oder sonstigen Sozialfällen verwendet werden würde. Anders als eine ideologisch motivierte "Reichensteuer", die in jeder Neidgenossenschaft wahnsinnig beliebt und deshalb abzulehnen ist, könnte eine Solidaritätsabgabe gleich auch eine perfekte PR-Aktion der heimischen Manager-Elite sein.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001