"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ghettos gibt es überall" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 13.11.2005

Graz (OTS) - Schon siebzehn Krawallnächte und keine Ende. In den Vorstädten von Paris brennen Autos, fliegen Pflastersteine, zersplittern Auslagenscheiben. Die Regierung hat den Ausnahmezustand über Frankreich verhängt und Ausgehverbote erlassen, doch wird das Heer der mit Helm und Schild gerüsteten Polizisten nicht Herr der Lage.

Kann das bei uns auch passieren?, fragen die Zuschauer vor den Fernsehschirmen, wenn ihnen die Bilder des nächtlichen Wütens ins behagliche Wohnzimmer geliefert werden.

Nein, bei uns ist das nicht möglich, lautet prompt die beruhigende Antwort der Politiker und Behörden.

Ein etwas voreiliger Befund. Auch die Annahme, bei uns gebe es keine so gewaltbereiten Hooligans wie in England, dem Mutterland des Fußballs, war angesichts der Schlägereien in Wien, Graz und Salzburg ein Irrtum. Es gibt nicht nur Nachahmungstäter und Trittbrettfahrer, es gibt überall unruhige Zonen, die plötzlich in Flammen aufgehen, wenn ein Funke überspringt.

Natürlich gibt es auch Unterschiede. Wer vom Flughafen Charles de Gaulle nicht die Nonstop-Metro ins Zentrum nimmt, glaubt, er reise nicht nach Paris sondern nach Algier oder Lagos. In den Silos der Vorstädte hausen Menschen aller Hautfarben, vor allem Zuwanderer aus dem Norden und dem Herzen Afrikas. Die Hochhäuser mit oft mehr als tausend Bewohnern stammen aus den sechziger Jahren. Die einstigen Sozialbauten sind abgewohnt, schmutzig, zerstört. Sie tragen die Namen von Geistesgrößen der Grande Nation: "Honore de Balzac" ist der Beton gewordene Hohn auf die Idee, den neuen Franzosen im Grüngürtel um Paris Quartier zu geben. Heute nisten hier Elend, Gewalt, Verbrechen, Hass und Hoffnungslosigkeit.

Derart triste Vorstädte wie in Paris gibt es sonst kaum wo. Man darf sich dennoch nicht täuschen: Ghettos sind auch bei uns entstanden, weil jene, die es sich leisten konnten, weggezogen sind und Platz gemacht haben für Türken, Bosnier, Kurden, Ghanesen.

In den Ausländervierteln unserer Städte spielt sich das Gegenteil von Integration ab: Schulklassen, in denen bestenfalls zwei oder drei Kinder Deutsch als Muttersprache haben, lassen eher den Schluss auf praktizierte Rassentrennung zu. Parallelwelten sind entstanden, man lebt nebeneinander statt miteinander. Wenn die Ausbildung der hier geborenen Jugendlichen schlechter ist als die ihrer zugewanderten Eltern oder die Arbeitslosigkeit unter den bereits ansässigen Ausländern sprunghaft steigt, während immer neue Immigranten nachdrängen, sind das Alarmzeichen. Wegschauen ist bequem, aber gefährlich.****

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