Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Freiheit im ORF

Alle sehnen sich nach der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Und dabei haben wir sie doch schon. Ihre zentrale Regel: Wer seine Interessen durchsetzen will, bekommt immer dann Recht, wenn er sich Atombomben beschafft, wenn er Autos anzündet, wenn er Molotow-Cocktails wirft. Wer hingegen lediglich Recht hat, der geht unter.

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Unter welcher Last muss die künftige deutsche Regierung sicher nicht leiden? Unter Vorschusslorbeeren. Das bringt den Vorteil, dass die niedrigen Erwartungen nur noch übertroffen werden können. Ob das reichen wird? Denn auf diese Weise kommt keinesfalls das zustande, was Deutschland am dringendsten braucht: eine Aufbruchsstimmung, die der kollektiven Depression ein Ende bereiten könnte.

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Der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich bleibt dem Parlament fern, um seine Unabhängigkeit als Interessenvertreter zu unterstreichen. Die Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien drängt in Landtag und Landesregierung, um besser als Interessenvertreterin agieren zu können. Irgendetwas ist da ziemlich unlogisch.

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Eine ORF-Journalistin erregt sich, weil die Franzosen der Ausgangssperre für Jugendliche zustimmen und so freiwillig auf ihre "Freiheit" verzichten. Pathetischer und absurder geht‘s nimmer.

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Der Redakteursrat eben dieses ORF kämpft dafür, dass ein ORF-Redakteur hinausfliegt, weil er eine Todesanzeige im Namen der FPÖ mitunterschrieben hat. Mehr Sauberkeit und Trennung von Parteien ist immer gut und erhöht die Unabhängigkeit des ORF. Das sollte aber wohl für alle gelten. Etwa auch für die Zeit-im-Bild-Moderatorin, die ein SPÖ-Wahlinserat unterzeichnet hat.

Und die Bestellung eines Redakteurssprechers, dem man nicht in jedem Satz seine lange Zugehörigkeit zur "Volksstimme" anmerken würde, wäre ebenfalls ein Beitrag zur Glaubwürdigkeit.

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