WirtschaftsBlatt Kommentar vom 12.11.2005: Die Union hat keine Leader mehr- von Peter Muzik

Wien (OTS) - Fred Bergsten, ein renommierter US-Wirtschaftswissenschaftler, hat sich kein Blatt vor den Mund genommen: Europa, sagte er vorgestern auf einer Tagung in Washington, sei ein Schwachpunkt der Weltwirtschaft. Die konjunkturelle Situation am Alten Kontinent bezeichnete er als "sehr enttäuschend". In Europa mache sich nämlich "eine ökonomische Schizophrenie" breit: Einerseits werde über das mangelnde Wachstum lautstark geklagt, anderseits aber viel zu wenig unternommen, um diese Situation zu verändern. Bergsten, der das Washingtoner Wirtschaftsforschungsinstitut IIE leitet und einer der einfluss-reichsten Berater von Bill Clinton war, kann einfach nicht verstehen, warum Europas Wirtschaft im vergangenen Jahr lediglich um matte 1,5 Prozent gewachsen ist, während die Weltwirtschaft eines ihrer erfolgreichsten Jahre hinter sich hat -mit immerhin fünf Prozent Wachstum.
Die Antwort auf diese zentrale Frage ist enorm komplex. Ein wichtiger Aspekt jedenfalls ist darin zu sehen, dass es Euro-pa bzw. in engerem Sinn der Europäischen Union zurzeit an Leadership, Selbstvertrauen und kreativer Dynamik mangelt. Es gibt weit und breit keine allseits anerkannte Füh-rungspersönlichkeit, die so etwas wie einen Masterplan für den konjunkturellen Aufschwung in Angriff nehmen könnte. EU-Präsident José Manuel Barroso, der durchaus sympathische, engagierte, aber unscheinbar-unauffällige und überforderte Kommissionschef, erweist sich als ungeeignet, die Zügel in die Hand zu nehmen und eine gezielte Offensive für mehr Wachstum und weniger Arbeitslosigkeit zu starten.
Was die Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten anlangt, ist gerade eine grosse Wachablöse angesagt: Der deutsche Kanzler Gerhard Schröder ist bereits Vergangenheit, der Brite Tony Blair ein krisenanfälliges Auslaufmodell, und der ebenso unglücklich agierende Jacques Chirac wird spätestens in eineinhalb Jahren Geschichte sein. Über Silvio Berlusconi brauchen wir kein Wort zu verlieren - als internationale Leitfigur scheidet er ebenso aus wie seine Kollegen. Die momentane Lähmung in Europa, die US-Forscher Bergsten diagnostiziert, erschwert in Verbindung mit dem akuten Führungsproblem naturgemäss die erforderliche Therapie - wie etwa das Heer von 20 Millionen Arbeitslosen abgebaut werden kann. Die Union, zur Zeit orientierungslos wie ein schlecht gemanagter Konzern, braucht also dringend eine Nummer eins, die das Steuer übernimmt.

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