DER STANDARD-Kommentar "Brutstätten der Gewalt"

von Irene Brickner

Wien (OTS) - Österreich, du hast es besser, tönte es seit Ausbrechen der Jugendkrawalle in Frankreich landauf, landab durch die Alpenrepublik. Weniger Gewaltbereitschaft, weniger Ausgrenzung, keine vergleichbaren Ausländergettos: Der "österreichische Weg" - der ja bereits in Arbeitsmarktfragen im Deutschlandvergleich zu Ehren gekommen ist - bewähre sich auch bei der Integration von Fremden, lautete der nur von wenigen Skeptikern unterbrochene Schulterklopf-Diskurs.
Nun muss man sich, wie aufatmend festgestellt werden kann, in Österreich tatsächlich nicht vor Horden vermummter, Mollis werfender zwölf- bis 14-jähriger Einwanderer-Kids aus tristen Vorstadtbezirken fürchten. Doch schaut man tiefer ins Land, bleibt der von den französischen Unruhen geschärfte Blick an Orten hängen, die Brutstätten der Gewalt zum Verwechseln ähnlich sehen. Traiskirchen und St. Georgen, die beiden Gemeinden mit den großen Flüchtlingslagern der Nation, kämpfen mit Problemen, die bisher offenbar nicht in den Griff zu bekommen waren.
Sie kämpfen zum Beispiel mit Gewaltbereitschaft, wenn es - wie im Lager Traiskirchen - vor einem zu kleinen Speisesaal zu Prügeleien unter Flüchtlingen kommt. Sie schlagen sich mit Ausgrenzung herum, wie Wortmeldungen aus der Bevölkerung von St. Georgen zeigen, die nur im Schließen des Lagers eine Lösung sieht. Und was anderes als reine Ausländergettos sind überfüllte, im Fall Traiskirchens zum Teil immer noch baufällige Gebäude, die ausschließlich Flüchtlinge beherbergen -und für die Anrainer nichts anderes als einen Schandfleck darstellen? Die Zustände in der zentralisierten staatlichen Flüchtlingsversorgung liegen seit Jahren im Argen, humane Lösungen sind überfällig - sonst droht vielleicht auch hier zu Lande Gewalt.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001