"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Schein-Privatisierung" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 11.11.2005

Wien (OTS) - Was macht ein Energieversorgungsunternehmen vom
Schlag der Illwerke mit Bodenseeschiffen? Am besten: Verkaufen, weil sie absolut nicht zum Kerngeschäft passen. Entsprechend wenig verstehen die Manager von dieser Branche und entsprechend groß ist die Gefahr, damit Schiffbruch zu erleiden.
Abgesehen von ein paar Kähnen, die am Ufer der konzerneigenen Stauseen ankern, haben Illwerke und Schifffahrt nichts gemeinsam. Umso überraschender kommt die Entscheidung des Managements, sich mit 75,1 Prozent an der Bodenseeschifffahrt zu beteiligen.
Kommt sie wirklich überraschend? Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass das Land Vorarlberg als Eigentümer und Landeshauptmann Sausgruber als Eigentümervertreter auf die Illwerke-Manager keinen wie immer gearteten Druck ausgeübt haben, sich als Bodenseekapitäne zu versuchen. Das würde dem Aktienrecht widersprechen. Eine solche Einflußnahme ist in einem Rechtsstaat ganz allgemein und in einem so sehr auf politische Korrektheit bedachten Bundesland wie Vorarlberg im speziellen auszuschließen.
Ähnliches gilt für die ÖBB als Verkäuferin der Bodenseeschifffahrt. Vizekanzler und Verkehrsminister Hubert Gorbach hat glaubhaft versichert, dass er sich akribisch jeder Einflußnahme auf den zuständigen ÖBB-Direktor Stefan Wehinger enthalten hat. Alles andere wäre ja auch politischer Selbstmord, sind einander die beiden Vorarlberger Gorbach und Wehinger doch alles andere als fremd. Da achtet man schon aus Eigeninteresse besonders streng auf äußerste Korrektheit.
Nicht auszuschließen ist allerdings, dass die Illwerke-Direktoren geahnt haben, was dem Land und dem Herrn Landeshauptmann politisch genehm ist. Ebenso wenig auszuschließen ist, dass auch der ÖBB-Vorstand geahnt hat, was dem zuständigen Minister Freude bereiten könnte.
Und so stehen plötzlich ein Energieversorgungsunternehmen mit einer Mehrheitsbeteiligung und der Montafoner Seilbahn-Unternehmer Walter Klaus - nach eigenem Bekunden der künftige Arbeitgeber des jetzigen Verkehrsministers Gorbach - mit einer Minderheitsbeteiligung an der Bodenseeschifffahrt da. Welche Überraschung, welche Freude!
Sinn macht die ganze Prozedur nur als Übergangslösung. Sobald die politischen Wellen über die Schein-Privatisierung der Bodenseeschifffahrt - in Wirklichkeit handelt es sich ja um eine Ver-Bundesländerung - verebbt sind, kann Walter Klaus von den Illwerken die Mehrheit übernehmen. Voraussetzung ist natürlich, dass er sich auch in dieser ihm fremden Branche als fähiger Unternehmer entpuppt und den Bodenseetourismus belebt und nicht zugrunde richtet. Das einzige Problem dabei ist, dass der Mehrheitsgesellschafter vom Geschäft nichts versteht und für politische Einflüsterungen offensichtlich ein offenes Ohr hat. Geht’s gut, ist alles in Ordnung. Geht’s schief, zahlt der Stromkunde die Rechnung, und die Politiker werden sich abputzen. Sie können ja offiziell nichts dafür, dass Strommanager plötzlich ihre Liebe für die Schifffahrt entdeckt haben.

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