Von demokratischen Werten und der Kultur

"Presse"-Leitartikel von Wilhelm Sinkovicz

Wien (OTS) - 50 Jahre nach der Wiedereröffnung sind Burg und Oper mehr als nur Zeichen glorioser Vergangenheit.

Gala in der Staatsoper zum 50. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung. Wer meint, da fänden sich nur kultivierte Menschen ein, wird eines Bessern belehrt. Als der Bundeskanzler erscheint, werden Pöbeleien laut, die signalisieren, wie es um das Demokratieverständnis im Lande bestellt ist.
Die Kurzsichtigkeit solch unkultivierter Ausfälle gegen einen Repräsentanten des Staates erweist sich rasch. Nirgendwo sonst würden Bundespräsident und Kanzler so einträchtig auf die identitätsstiftende Funktion verweisen, die ein Haus wie die Staatsoper für ihr Land hat.
Im März 1945 stand die Bevölkerung weinend an der Bombenruine, im November 1955 war man wieder hier, die Auferstehung Österreichs zu feiern, die sich in der Wiedereröffnung von Burgtheater und Opernhaus spiegelte.
Wenn Politiker erkennen, dass Österreich auch heute nicht viel anderes als sein Kulturleben zur Imagebildung bleibt, ist das beinahe ein Wunder. Denn wer heute für konsequente Förderung international werbewirksamer so genannter Hochkultur plädiert, dem widersprechen erwiesenermaßen sofort Stimmen aus den Bundesländern, die da meinen, die Wiener mögen sich ihre theatralische Großmannssucht gefälligst selber finanzieren.

Noch sind Bundespräsident und Kanzler bereit, die Bedeutung der Kulturarbeit durch ihre Anwesenheit und ihre Wortmeldungen zu würdigen. Noch kann man sie also in die Pflicht nehmen und daran erinnern, dass just diese Kulturarbeit demnächst großer Kraftanstrengungen bedürfen wird.
Die jüngste Geschichte der Volksoper lehrt, dass die seit Jahren geübte Praxis des Einfrierens der Subventionen an ihr natürliches Ende gekommen ist. Wir brauchen unsere Theater, ja. Daher müssen wir sie auch mit den notwendigen Mitteln ausstatten, sie am Leben zu erhalten.
Das gilt auch für die Staatsoper. Der Bundeskanzler irrt, wenn er meint, so prominente Dirigenten wie bei der von ihm besuchten Gala seien konsequent im Haus am Ring beschäftigt. Der Nachfolger des amtierenden Staatsopern-Direktors wird alle Hände voll zu tun haben, zukunftsträchtige Strukturen für die Erhaltung eines qualitativ hochwertigen Spielbetriebs zu finden, um erstklassige Maestri zu binden. Sie waren stets die Spielmacher.
Selbstverständlich hat der amtierende Opernchef, Ioan Holender, Recht, wenn er zum Andenken an 1945 und 1955 darauf verweist, dass ein traditionsreiches Haus auch die schwierigen Jahre seiner Geschichte aufzuarbeiten hätte, will es nicht Gefahr laufen, die Zukunft zu verlieren.
Doch hat jede Medaille zwei Seiten. Geschichte aufzuarbeiten, heißt auch: sie anzunehmen. Ioan Holender selbst betreibt Vogel-Strauß-Politik, wenn er den von einem ihm missliebigen Künstler gestalteten Eisernen Vorhang konsequent verhängt. Er gehört zum Erscheinungsbild des Hauses wie die gottlob erhaltenen Schwind-Fresken im Foyer und der von Boltenstern im Stil der fünfziger Jahre adaptierte Zuschauerraum.
sMit einem Seitenhieb kommentierte Holender auch die Sympathien des letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsdirektors, Karl Böhm, für das Dritte Reich. Doch derselbe Karl Böhm präsentierte zur Eröffnung 1955 neben Verdi, Strauss, Mozart und Wagner auch Alban Bergs von den Nationalsozialisten als "entartet" gebrandmarkten "Wozzeck", den die Staatsoper dieser Tage zwar im Programm hat, doch just bei der Gala nicht berücksichtigte.
Böhms Nachfolger war der dem Nationalsozialismus auch nicht gerade abholde Herbert von Karajan. Er war es jedoch, der mit großer Energie und Fantasie die Staatsoper zu einem modernen, den Anforderungen der Zeit gerecht werdenden Opernbetrieb formte. All das gehört zur künstlerisch so bedeutenden Geschichte des Hauses, das Strukturreformen nötig haben wird, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Not tut solide Aufbauarbeit auf dem Fundament großer Tradition - also das Gegenteil kosmetischer Schminkaktionen, die mit billigen Regietheatereffekten Modernismus vortäuschen.

Dazu bedarf es wacher Politiker, die nicht nur die Bedeutung der großen Theater für das Land erkennen, sondern auch willig sind, entsprechend große Lösungen für deren Zukunft zu forcieren. Wer das nicht erkennt, könnte bald wieder vor einer Ruine stehen. Ganz ohne Bombenangriff, denn auch die Kleingeisterei hat ihre Sprengkraft. Vernichtend, weil ihr das Potenzial, vor allem aber der Wille zu einem Wiederaufbau fehlen.

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