WirtschaftsBlatt Kommentar vom 5.11.2005: AMIS: Zeit zur Suche nach den Schuldigen - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Zugegeben: Vom journalistischen Standpunkt her sind
wir schon ein wenig stolz. Nirgends sonst konnte man sich in den vergangenen Monaten über die sich abzeichnende Pleite des Finanzunternehmens AMIS so frühzeitig, so ausführlich und so korrekt informieren wie im WirtschaftsBlatt.
Unsere Berichterstattung über den erfolgten Konkursantrag am vergangenen Donnerstag wurde von allen wichtigen Medien übernommen -sogar mit korrekter Zitierung, was uns besonders freut. Da hat mein Kollege Kid Möchel tolle Arbeit geleistet (die neuesten Entwicklungen lesen Sie auf Seite 4), und wir sind alle stolz auf ihn.
Für die rund 16.000 Anleger, die fürchten müssen, durch die AMIS-Pleite einen Grossteil ihres dort angelegten Geldes zu verlieren, ist das freilich ein schwacher Trost. Für sie ist auch die jetzt allenthalben anbrechende Suche nach den Schuldigen nur von nachgeordnetem Interesse. Um künftig ähnliche Pleiten zu vermeiden, ist diese Suche aber unerlässlich.
Eines lässt sich dabei jedenfalls schon jetzt sagen: Selbst wenn die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) das in Österreich ansässige AMIS-Unternehmen rechtzeitig und ausreichend kontrolliert hat - ob das geschehen ist, wird noch zu untersuchen sein -, hatte sie keine Chance, die Betrügereien aufzudecken, die da offenbar zwischen den verschiedenen Unternehmen des gesamten internationalen Finanzkonglomerates gelaufen sind (bis zum Abschluss eines ordentlichen Gerichtsverfahrens gilt selbstverständlich für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung).
Denn die Kompetenz der FMA endet auch im längst grenzenlosen Finanzplatz Europa exakt an der Staatsgrenze.
Solange der Gesetzgeber an dieser Absurdität nichts zu ändern bereit ist, erübrigt sich jede Kontrolle - so wie sie jetzt konstruiert ist, kann man die FMA auch ersatzlos streichen. Denn zusätzlich fehlen der Finanzmarktaufsicht auch für in Österreich ansässige Unternehmen wichtige Prüfkompetenzen. Da hat die Politik dringenden Handlungsbedarf.
Für Anleger ruft der AMIS-Fall wieder einmal die alte Regel in Erinnerung: Man sollte seine Investments immer so streuen, dass auch der Totalausfall des grössten Einzelinvestments keine existenzielle Bedrohung bedeuten würde. Auch dann tut eine Pleite wie jene von AMIS natürlich weh - aber sie ist zumindest zu verschmerzen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001