Rezar: Hohe Jugendarbeitslosigkeit produziert psychische Erkrankungen der Zukunft

RI-Veranstaltung "Get on board"

Wien (SK) - "Die Grundsicherung ist die Voraussetzung dafür, die durch psychische Erkrankungen geschaffenen Herausforderungen zu bewältigen", betonte Peter Rezar, Gesundheitslandesrat im Burgenland im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei der Veranstaltung "Get on board II: Mehr Chancen für Menschen mit psychischen Behinderungen", veranstaltet vom Renner-Institut. Neben Rezar diskutierten unter der Moderation der forensischen Psychiaterin Karin Gutierrez-Lobos, Ernst Berger (Neuropsychiatrische Abteilung für Kinder und Jugendliche am Neurologischen Zentrum Rosenhügel), Karl Dantendorfer (Psychiatriekoordinator Burgenland), Alexander Nagy (Vereinsobmann Helping Hands), Stephan Rudas (Chefarzt des Psychosozialen Dienstes), Günther Schuster (Leiter der Landesstelle Wien des Bundessozialamtes) und Bruno Wögerer (stellvertretender Obmann Pro Mente Burgenland). ****

Während alle am Podium Diskutierenden feststellten, dass sich in den vergangenen Jahren vieles in der Frage psychologischer Erkrankungen zum Positiven verändert habe, sei man augenblicklich mit entscheidenden Fragen konfrontiert. Besonders die Frage der Beschäftigung der Personen mit psychischen Erkrankungen werde nicht einmal ansatzweise zufrieden stellend beantwortet so der Tenor der Anwesenden. "Es gibt Menschen, deren psychische Erkrankung so stark ist, dass eine Erwerbstätigkeit in den kommenden Jahren nicht gesichert sein kann. Es ist unerklärlich, dass es hierfür keine flächendeckende Antwort gibt, wie man diesen Menschen eine sinnstiftende, kontaktstiftende und Selbstbewusstsein stiftende Tätigkeit bieten kann", so Rudas, der weiters betonte: "Das ist eine gesellschaftliche Pflichtaufgabe. Es müssen flächendeckende Antworten gefunden werden und das geht nur über Bundesgesetze."

Besorgt zeigte sich Rezar angesichts der aktuellen Arbeitsmarktzahlen. Im Winter werde man einen traurigen Rekord an Arbeitslosen erreichen. Wenn nun in Österreich über 60.000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 ohne Beschäftigung seien, so sei daraus nur ein Schluss zu ziehen: "Wir produzieren die psychischen Erkrankungen der Zukunft. Das ist fast ein Verbrechen."

Auch Berger hob hervor, dass es gerade in der Frage der Kinder-und Jugendpsychiatrie in Österreich besonderen Aufholbedarf geben würde. "Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist in Österreich leider noch ein Entwicklungsgebiet mit leider viel zu wenig Lobbying für den bestehenden Bedarf", so Berger. Die aktuellen Arbeitsmarktdaten würden eine zusätzliche Erschwerung des Problems darstellen, da so ein langsames Heranführen und Integrieren von psychisch kranken Jugendlichen kaum möglich sei. "Neben verbesserten legistischen Lösungen, gibt es viel zu wenig Angebote an Werkstattstrukturen, wo häufig viel zu hohe Einstiegsanforderungen gegeben sind und auch die persönliche Assistenz müsste klar ausgebaut werden", formulierte Berger mögliche Verbesserungsfelder. "Dafür braucht es aber den politischen Willen und ein gesellschaftliches Bewusstsein."

Dass die bekannten Probleme aber nicht nur durch eine bundesweite Gesetzgebung gelöst werden könnten, hielt Schuster fest, der von einer "gemeinsamen Kraft- und Willensfrage" der vielen unterschiedlichen, involvierten Institutionen sprach. "Die berufliche Integration ist arbeitsteilig. Das scheint im Moment eine Schwäche zu sein, könnte aber zu einer Stärke umstrukturiert werden. Dies würde auch die Frage der Mittelaufbringung erleichtern", so Schuster.

Besondere Mängel orteten alle Diskutanten in der Frage der Breite der angebotenen Maßnahmen und bei der Budgetierung von Projekten. "Es bestehen viele gute Projekte, aber oft sind die Leistungsstandards zu hoch. Wir brauchen Angebote auf verschiedenen Leistungsniveaus", so Dantendorfer. Wenn eine solche Einrichtung die Auflage habe, dass nach einem Jahr Beschäftigung 50 Prozent der dort tätigen, psychisch kranken Personen in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden müssten, dann würde dies viele Menschen von vorn herein ausschließen. "Wir brauchen niedrig schwelligere Angebote. Dafür gibt es aber keine finanziellen Ressourcen. Es muss klar sein, dass es Patienten gibt, deren Leistungsfähigkeit unter 30 Prozent der Jahresleistungsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt liegt", sagte Dantendorfer. Es müsse klar sein, dass das betriebswirtschaftlich nichts bringen werde, aber dennoch hätten diese Menschen Anspruch und Bedürfnis nach sinnvoller Arbeit. "Diese bringt aber finanziell nichts, sie wird etwas kosten."

Berger hielt fest, dass der finanzielle Aufwand in der Jugendbetreuung in etwa doppelt so hoch sei, da hier noch besondere Schwierigkeiten sowie eine längere Laufzeit der Betreuung zu berechnen sei. Rudas fragte angesichts dieser finanziellen Probleme:
"Wo ist eigentlich das Geld für die vielen eingesparten, stationären Psychiatriebetten hingekommen?" Es sei, so Rudas, eine politische Entscheidung, wie man Prioritäten setze. "Den psychisch Kranken auf Dauer die Chance für eine sinnvolle Tätigkeit zu nehmen, ist teurer als andersherum. Ja, es kostet, aber gerade hier ist falsches Sparen sehr teuer", so Rudas, der darauf verwies, dass die Pensionierung junger Menschen große Kosten erwachsen lasse. Auch Rezar betonte, dass es sich bei dieser Frage klar um eine politische Entscheidung handle. "Es stellt sich die Frage: schicke ich einen begabten Tischler zwei Drittel seines Lebens in die Pension oder versuche ich, ihn über entsprechende Programme wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist eine politische Frage, wer das nicht will, der muss das aber auch sagen."

Abschließend hielt Rezar fest, dass es besonders wichtig sei, an bereits bestehenden Ansätzen weiter zu arbeiten und hier fortzusetzen, dass es beweglicherer Modelle für die Integration psychisch Kranker am Arbeitsmarkt bedürfe und das eine Bewusstseinsschaffung und -pflege nur über tägliche Arbeit geschaffen und aufrechterhalten werden könne. "Die Grundsicherung ist aber die Voraussetzung, um diese Herausforderung zu schaffen", so Rezar, da dadurch schon viel an Druck und Problemen von den Betroffenen genommen werden könnte, die oft jahrelang in der befristeten Pension sein würden und Angst haben müssten, bei jeder kleineren Tätigkeit die Ausgleichszulage oder die Sozialhilfe zu verlieren. (Schluss) js

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