Wirtschaftsvergleich Schweiz - Österreich: Wachstumsvorsprung Österreichs dank aktiver EU-Integrationsstrategie

Wien (WIFO) - Österreich und die Schweiz verfolgen
unterschiedliche Strategien der europäischen Integration: Österreich nimmt als Mitglied der EU (1995) seit 1999 auch an der Wirtschafts-und Währungsunion teil. Die Schweiz schlug nach der Ablehnung des EWR-Abkommens 1992 den Weg der bilateralen Annäherung an die EU (zwei bilaterale Abkommen) ein. Insgesamt fällt die Bilanz nach zehn Jahren EU-Mitgliedschaft für Österreich positiv aus: Im Durchschnitt dürfte das BIP um jährlich bis zu 1/2 Prozentpunkt pro Jahr rascher gewachsen sein. Die Schweiz dürfte im letzten Jahrzehnt per Saldo Wohlfahrtseinbußen erlitten haben.

Die Schweiz und Österreich eignen sich besonders gut, in einer vergleichenden Wirtschaftsanalyse die Vor- und Nachteile unterschiedlicher integrationspolitischer Strategien zu untersuchen. Das WIFO publiziert in seinem jüngsten Monatsbericht einen umfangreichen Wirtschaftsvergleich für die letzten 10 Jahre auf verschiedenen Ebenen: makroökonomische Entwicklung, Wirtschaftsstruktur, Außenhandel, Internationalisierung, Integration in die internationalen Kapitalmärkte und in den "europäischen Konjunkturzyklus". Zudem werden mit einem Integrationsmodell die Effekte der vollen Integration Österreichs in den EG-Binnenmarkt und in die WWU sowie die Auswirkungen der Ostöffnung und EU-Erweiterung 2004 evaluiert. Für die Schweiz werden die Effekte der nur partiellen und verspäteten Teilnahme am Binnenmarkt durch die Bilateralen I und II und das Abseitsstehen von der WWU ebenfalls mit einem eigenen Integrationsmodell geschätzt.

Die Schweiz übertrifft Österreich zwar in fast allen Indikatoren der Wettbewerbsfähigkeit und ist immer noch eines der reichsten Länder der Welt. Die Wirtschaft expandiert aber schon seit längerem langsamer als in Österreich. In der Entwicklung des BIP pro Kopf war Anfang der neunziger Jahre ein Bruch zu verzeichnen; seither hat die Schweiz den Vorsprung gegenüber den USA eingebüßt. Dagegen hat dieser Wohlstandsindikator in Österreich (nach einem Aufholprozess in der Nachkriegszeit) seit den neunziger Jahren weiter steigende Tendenz. Der anfänglich große Vorsprung der Schweiz gegenüber Österreich macht nach jüngsten Daten nur noch rund 6 Prozentpunkte aus.

Der Wachstumsvorsprung Österreichs vor der Schweiz im Ausmaß von rund 1 Prozentpunkt pro Jahr im abgelaufenen Jahrzehnt lässt sich auf folgende Faktoren zurückführen:

- Der (allmählich schwindende) Aufholeffekt Österreichs im Ausmaß von rund 1/3 Prozentpunkt pro Jahr bewirkt eine deutliche Konvergenz des BIP pro Kopf beider Länder.

- Die Binnenmarkteffekte und WWU-Effekte (höheres Produktivitätswachstum durch Intensivierung des Wettbewerbs, zügigere Reformen und Zunahme von Forschung und Entwicklung) betragen rund +1/3 Prozentpunkt pro Jahr.

- Österreich profitierte in hohem Maße von der Ostöffnung (seit 1989); dieser Effekt kann ebenfalls auf rund +1/3 Prozentpunkt pro Jahr geschätzt werden; in abgeschwächter Form hält dieser Wachstumsbonus für Österreich durch die EU-Erweiterung 2004 an.

Österreich und die Schweiz, zwei nahezu gleich große mitteleuropäische Kleinstaaten, beschreiten seit Mitte der neunziger Jahre unterschiedliche Wege in der europäischen Integration, nachdem sie von Anfang der sechziger bis Mitte der neunziger Jahre als EFTA-Mitglieder die gleiche integrationspolitische Strategie verfolgt hatten:

- Österreich ist nach einem Jahr im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) seit 1995 Mitglied der Europäischen Union (EU) und nimmt seit 1999 an der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) der EU teil.

- Die Schweiz verfolgt, nach der Ablehnung des EWR-Abkommens in einem Referendum 1992, die Strategie einer allmählichen Annäherung an die EU über bilaterale Abkommen. Seit 2002 gelten die "Bilateralen Abkommen I", die Teilabkommen der "Bilateralen II" traten 2005 bereits teilweise in Kraft. In zwei Referenden hat das Schweizer Volk der Teilnahme am Schengen-Abkommen und der Ausdehnung der Öffnung des Arbeitsmarktes auch für die 10 neuen EU-Länder zugestimmt. Die Schweiz hat damit die wesentlichen Inhalte des EWR-Abkommens nachträglich übernommen. Die Bilateralen II setzen manche über das EWR-Abkommen hinausgehende Integrationsschritte (Teilnahme am Schengen- bzw. Dublin-Abkommen; Zinsbesteuerungsabkommen), die eine weitgehende wirtschaftliche Integration in die EU ermöglichen. Zugleich vermeidet die Schweiz damit manche Nachteile der EU-Mitgliedschaft, etwa die Belastung als Nettozahler ins EU-Budget, und bleibt in ihren politischen Entscheidungen autonom. Sie behält ihr spezifisches Modell der direkten Demokratie bei, während in Österreich die Entscheidungen - insbesondere in der Wirtschaftspolitik - zu einem guten Teil auf EU-Ebene fallen.

Eine Gesamtbewertung aller untersuchten Effekte ergibt, dass Österreich von der EU-Mitgliedschaft und WWU-Teilnahme wahrscheinlich profitiert hat, während die verzögerte und auch nur partielle Integration der Schweiz in den europäischen Binnenmarkt im besten Fall ökonomisch neutral war. In Österreich dürfte sich das Wirtschaftswachstum, gemessen am realen BIP, durch die volle Teilnahme am europäischen Binnenmarkt um rund 1/3 Prozentpunkt pro Jahr beschleunigt haben. Einschließlich der Mitnahmeeffekte ("passive Integrationseffekte", d. h. "Spill-overs" aus der EU über Außenhandelstransaktionen) aus der Schaffung des EG-Binnenmarktes seit 1993 (+0,1 Prozentpunkt) und der BIP-Effekte der WWU-Teilnahme (+0,1 Prozentpunkt) ergibt die volle Integration Österreichs einen Wachstumsimpuls von rund 1/2 Prozentpunkt pro Jahr. In der Schweiz dürften die positiven Mitnahmeeffekte aus der Entstehung des EG-Binnenmarktes die negativen Wirkungen aus der Nichtteilnahme kompensiert haben. Zusammen mit den per Saldo neutralen Effekten aus der Nichtteilnahme an der WWU errechnet sich auch insgesamt ein neutrales Ergebnis für die Schweiz.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht 10/2005!

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Univ.-Prof. Dr. Fritz Breuss
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
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