Palais Epstein offiziell an das Parlament übergeben Khol: "Haus mit Geschichte, in dem der Geist der Toleranz wehen wird"

Wien (PK) - Das Palais Epstein werde ein offenes Haus sein, "ein Haus mit Geschichte und ein Haus, in dem der Geist der Toleranz wehen wird". Das betonte Nationalratspräsident Andreas Khol heute anlässlich der offiziellen Übergabe des Palais Epstein an das Parlament. Leon Zelman, habe, so Khol, aus dem Palais Epstein, "einem Juwel der Ringstraßenarchitektur", ein Haus der Geschichte machen wollen, geworden sei es nun ein Haus mit Geschichte, das vom Parlament genutzt werden wird. An dem nach langen Diskussionen zustande gekommenen "guten Kompromiss" sei Zelman wesentlich mitbeteiligt gewesen, erklärte der Nationalratspräsident.

Einen wesentlichen Beitrag dazu, dass das Palais Epstein ein Haus mit Geschichte sein wird, leistet eine Dauerausstellung im Erdgeschoß, die nicht nur über die Familie Epstein und die wechselvolle Geschichte des Palais informiert, sondern auch über den Beitrag des Wiener Judentums zur Gestaltung der Wiener Bauwerke um die Jahrhundertwende. Zudem werden im Keller des Palais die Archive des Nationalfonds und des Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus Platz finden. Dort könne die "Raubgeschichte des Nationalsozialismus" wissenschaftlich erforscht werden, unterstrich Khol.

Unter den zahlreichen Festgästen, zu denen auch Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel gehörten, hob Khol neben Leon Zelman einen zweiten Gast besonders hervor: Emil Schulteisz, einen Urenkel des ursprünglichen Bauherrn des Palais Epstein Gustav Ritter von Epstein. Schulteisz, der in Budapest lebt, hat dem Parlament für die Dauerausstellung Original-Mobiliar der Familie Epstein und andere Objekte zur Verfügung gestellt.

Besonderen Dank im Zusammenhang mit der Sanierung des Palais Epstein sprach Khol darüber hinaus gegenüber dem Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft Christoph Stadlhuber, den für den Umbau verantwortlichen Architekten Alexander van der Donk und Georg Töpfer sowie dem Leiter des Bundesdenkmalamtes Wilhelm Georg Rizzi aus.

Bürgermeister Michael Häupl erinnerte an die wechselvolle Geschichte des Palais Epstein und meinte, dieses Haus sei nicht irgendein Ringstraßengebäude, sondern ein Symbol für jene Zeit, als das Wiener Judentum im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Hauptstadt eine bedeutende Rolle gespielt hatte, und mache darüber hinaus auch deutlich, welch unwiderruflichen Aderlass die Vertreibung und Ermordung der Juden für Wien darstelle.

Die verschiedenen Nutzungen des Palais nach seinem Verkauf seien aber auch ein Symbol für die Geschichte Wiens. Als ursprünglicher Unterstützer der Idee eines Hauses der Geschichte räumte Häupl ein, der nunmehr gefundene Konsens als Ergebnis eines Diskussionsprozesses sei gut für das Gebäude und für seine zukünftige Nutzung, lasse er doch die Möglichkeit zu einer längst fälligen Auseinandersetzung mit der österreichischen Zeitgeschichte offen. Der Wiener Bürgermeister erwartete sich in diesem Sinn von den im Palais Epstein stattfindenden Veranstaltungen, dass sie diesem Geist der Auseinandersetzung mit der Geschichte Rechnung tragen werden.

Das Palais Epstein ist eines der bedeutendsten Wiener Ringstraßenpalais. Nur einen Steinwurf vom Parlament entfernt und ebenso wie das Parlamentsgebäude vom dänischen Architekten Theophil Hansen geplant, wurde es in den Jahren 1868 - 1871 für den Bankier Gustav Ritter von Epstein errichtet. Im Laufe einer wechselvollen Geschichte residierten u.a. der Verwaltungsgerichtshof, das nationalsozialistische Bauamt, die russische Zentralkommandantur und der Wiener Stadtschulrat hier. In den letzten Jahren wurde es unter Beiziehung des Bundesdenkmalamtes im Auftrag der Bundesimmobiliengesellschaft generalsaniert und für Parlamentszwecke adaptiert.

Die Generalsanierung erforderte dabei viel Expertenwissen, detektivischen Spürsinn und Phantasie, hatten doch die verschiedenen Nutzer des Gebäudes zahlreiche Bausünden hinterlassen. Unter anderem waren Zwischenwände in historisch geschützten Räumlichkeiten aufgestellt, wertvolle Wände tapeziert, EDV-Kabel über Putz verlegt und Zwischendecken eingezogen worden. Zudem stießen die verantwortlichen Architekten immer wieder auf neue Überraschungen. Technisch hoch entwickelte Glasschiebetüren hinter Holzverkleidungen, Holztafeln im Keller, die sich als Original-Parkettboden des Festsaales erwiesen, ein ausgetüftelter Mechanismus zur Verbarrikadierung der Fenster im Erdgeschoß - das sind nur einige der im Zuge der Restaurierungsarbeiten gemachten Entdeckungen. Auch Zeitdokumente aus der Besatzungszeit - z.B. ungeöffnete Briefe aus der Sowjetunion, Kassiber von Gefangenen und Spielkarten - gehören zu den Fundstücken.

Die Herausforderung bestand jedoch nicht nur darin, die historischen Räumlichkeiten, insbesondere die prachtvolle Bel Etage, so weit wie möglich originalgetreu zu restaurieren, es galt auch, das Palais den heutigen Anforderungen entsprechend zu adaptieren. Um zusätzlichen Raum zu schaffen, konstruierten die für den Umbau verantwortlichen Architekten Alexander van der Donk und Georg Töpfer einen gläsernen Dachaufbau, der von außen jedoch kaum sichtbar ist. Neben Sitzungs-und Verhandlungszimmern und einem Veranstaltungsraum sind im Palais Epstein vor allem Büros untergebracht.

Interessierte Bürgerinnen und Bürger können die prachtvollen Räume der Bel-Etage morgen, Mittwoch, im Rahmen der Aktion "Offenes Parlament" zwischen 08.00 Uhr und 13.00 Uhr (letzter Einlass) besichtigen. Voraussichtlich ab Mitte Jänner 2006 werden auch Führungen angeboten.

Die im Erdgeschoß des Palais eingerichtete Dauerausstellung wurde von Brigitte Hamann kuratiert. Sie ist ab 7. November von Montag bis Freitag zwischen 10 Uhr und 17 Uhr und an Samstagen von 10 Uhr bis 13 Uhr geöffnet. (Schluss)

Rückfragen & Kontakt:

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: pk@parlament.gv.at, Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA0003