"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Regierungsbären" (Von GÜNTHER SCHRÖDER)

Ausgabe vom 25. Oktober 2005

Innsbruck (OTS) - Wo, wenn nicht in Wien, hätten die Grünen die Chance gehabt, mit einem sensationellen Ergebnis sogar der Schüssel-ÖVP einen blamablen Wahlsonntag zu bescheren? Dass es am vergangenen Wochenende nicht so kam, ist schmerzlich für die Partei von Alexander Van der Bellen. Gut, könnte man einwenden, mit knapp 9000 Stimmen Zuwachs habe man mehr dazugewonnen als die ÖVP. Nach dem 7. Bezirk ist es zudem jetzt auch noch gelungen, den Bezirksvorsteher in der ÖVP-Hochburg Josefstadt zu erobern. Trotzdem:
Die langen Gesichter haben ihre Berechtigung. Wie kann es passieren, muss sich Maria Vassilakou zu Recht fragen lassen, dass die Grünen im ländlichen Tirol bei einer Landtagswahl besser liegen als in der Großstadt Wien? Der Tiroler Grün-Chef Georg Willi hat Recht mit seiner Kritik.

Da mag schon die Zerrissenheit der Wiener Landespartei, in der sich die berühmten Fundis und die Realpolitiker ziemlich unversöhnlich gegenüberstehen, eine Rolle gespielt haben. Zudem trat Vassilakou im Wahlkampf derart auf Samtpfötchen auf, dass sie abseits der Wahlplakate kaum zu bemerken war. Auch die Themenwahl war fragwürdig. Eine Grundsicherung zu verlangen und ansonsten nur noch den "Wiener Mut" zu plakatieren, ist halt ein bisserl dünn.
Doch vor allem werden die hochfliegenden Pläne der Grünen von deren Bewusstseinslage gebremst. Van der Bellen, Glawischnig und Co. gehen mit einer Zielstrebigkeit in Richtung Regierungsbeteiligung, dass Grundsätze beinahe schon beliebig zurecht gebogen werden können. Studiengebühren? Bitte, die können bleiben. Und auch die Eurofighter schlucken wir notfalls. Irgendwie macht sich das Gefühl breit, dass da der Regierungsbär schon längst aufgeteilt wird, bevor er erlegt, also die nächste Wahl geschlagen, ist.
Steiermark, Burgenland und Wien haben die Grünen auf den harten Boden der Realität zurückgeholt. Und das war längst nötig.

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