Ein ganzes Jahr Nationalfeiertag

"Presse"-Leitartikel von Florian Asamer

Wien (OTS) - Nach ausgiebiger Würdigung der Aufbau-Ära könnte ein gelegentlicher Blick nach vorne auch nicht schaden.

Da wehen schon die nächsten Fetzen dieser besonderen Nationalfeiertagsmischung heran: ein bisserl von einem 50-jährigen Betriebsjubiläum, ein Hauch von Shopping-Center-Neueröffnung, einiges vom Begräbnis eines sehr entfernten Bekannten und eine ordentliche Portion Gut-is-gangen-nix-is-gscheh'n legen sich übers Land. Diese Schwaden begleiten uns seit Jahresbeginn einmal stärker, einmal schwächer und dürften sich so schnell nicht verziehen. Denn der 26. Oktober ist im heurigen Hip-Hip-Hurra-Jahr eben nur einer von 365 Nationalfeiertagen.
Jetzt kann man über das Gedenkjahr geteilter Meinung sein, ob da der richtigen Dinge in der richtigen Gewichtung auf die richtige Weise gedacht wurde. Aber Gedanken hat man sich zumindest gemacht, und das war den Aufwand wohl wert. Nur bei aller Dankbarkeit für die Verdienste der Aufbau-Ära: Wenn man über die fortgesetzte Würdigung vergangener Leistungen auf das Basteln am Wie-geht's-eigentlich-weiter vergisst, wird's heikel.

Am Beispiel des offiziellen Feiertagsprogramms lässt sich gut illustrieren, wie sich die große nationale Erzählung (weniger geschraubt: wie sich unser Staat selbst halt gerne so darstellt) ausschließlich mit Bewährtem, Überholtem und Reformbedürftigem beschäftigt. Etwas Mozart der Philharmoniker hier (bewährt, bekannt sowieso), ein bisserl Neutralität da (überholt), dazu viel Militär (eine Mischung aus bewährt und reformbedürftig). Ach ja, und eine Tür ist immer offen - diesmal halt die des renovierten Parlaments. Von den Zukunftsplänen des Zukunftsreichs keine Spur.
Doch was soll man als Staatsbürger, der nicht ausschließlich in Anekdoten leben will, mit dieser Symbolik anfangen? Mit einer Leistungsschau (!) des Bundesheers, einer Institution, die wegen der Kleinheit Österreichs logischerweise ein Schattendasein führt. Ganz abgesehen davon: Warum sollen wir eigentlich im Jahr 2005 noch Kinder am Heldenplatz in gebrauchte, aber nie gebrauchte Panzer setzen? Welche Art von Lebensgefühl drückt das aus? Oder wieder die Frage:
Was wollen wir damit eigentlich über uns erzählen?
Und die Neutralität, der eigentliche Anlass fürs Feiern? Da wird halb verschämt, halb augenzwinkernd eines Zustands gedacht, der sicherheitspolitisch längst nur mehr eine leere Hülle ist, durch das feige Nicht-Entsorgen aber ein perfektes Symbol für das angeblich typisch österreichische Weder-Noch, für ein Durchlavieren, ja für all jene Reblaus-Gschichterln rund um die Geburt der Zweiten Republik, die oft schon damals nicht wahr waren. Dabei wird übersehen, dass es längst viele Menschen gibt, die sich ausdrücklich dagegen wehren, das als bezeichnend für Österreich anzusehen, und einfach nicht mehr so dargestellt werden wollen. Worin können sie sich wiederfinden? Statt dessen einmal entschieden auftreten, sagen wo und wofür man eigentlich steht - nicht neutral, sondern überzeugt und offen, wäre der andere Ansatz. Ein positives Beispiel aus der jüngsten Zeit: Die Haltung Österreichs in der Türkei-Frage hat bei aller Widersprüchlichkeit etwas Wesentliches für sich gehabt; man konnte sie vehement ablehnen oder stolz auf sie sein. Egal. Österreich ist für etwas gestanden. Allein die Tatsache, wie viele darüber verwundert waren, spricht Bände.
Das negative Gegenbeispiel: Statt schon längst um die begabtesten Studenten aus aller Welt zu werben, um an unseren Hochschulen jenen Bildungs-, Forschungs- und Zukunftswettbewerb zu führen, von dem auch in den Reden am Nationalfeiertag wieder verlässlich die Rede sein wird, hat man möglichst lang (neutral?) zugewartet. Als es gar nicht mehr anders ging, hat man mit aus der selbst verschuldeten Not geborenen Tricks die Unis vor "zweitklassigen" Studenten verbarrikadiert, um ja niemanden in unsere geschützten Bildungswerkstätten herein zu lassen.

Die Debatte um den Generationenvertrag, die mit den Verhandlungen über die Pensionsreform ins Rollen kam, hat es schon deutlich gemacht: Jüngere und Ältere haben unterschiedliche (jeweils gut begründbare, berechtigte, aber eben grundverschiedene) Interessen und Sichtweisen. Eine Perspektive war im Gedenkjahr ausreichend präsent. Doch auch ein stärker vorwärts gerichteter Österreich-Zugang, der sich Gedanken darüber macht, welches Bild von uns wir in Zukunft transportieren wollen, hat ein Recht darauf, im Rahmen öffentlichen Feierns vorzukommen. Gut möglich, dass wir sonst in 50 Jahren nicht mehr viel zu erzählen haben.

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