Über den Tisch gezogen

"Presse"-Glosse von Josef Urschitz

Wien (OTS) - Auch wenn jetzt beschwichtigt wird: Bei der Bawag ist nach dem Refco-Skandal gar nichts in Ordnung. Da sind ein paar Rücktritte fällig.

Es sieht so aus, als wäre die Gewerkschaftsbank Bawag schlicht von einem Finanzbetrüger in großem Stil "geschnalzt" worden. Darauf deutet hin, dass der Ex-Chef der Maklerfirma Refco, Phillip Bennett, einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Kreditrahmens bei der Bawag zu (in den USA) nachtschlafener Zeit abgerufen hat - wenige Stunden, bevor der Zusammenbruch von Refco bekannt wurde.
Und es sieht natürlich auch so aus, als hätte sich die Bawag ein bisschen naiv über den Tisch ziehen lassen. Aber das heißt nicht, dass man jetzt zur Tagesordnung übergehen kann. Immerhin hat die Gewerkschaftsbank - die auch den Streikfonds des ÖGB verwaltet -möglicherweise bis zu 425 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Selbst wenn ein Teil davon doch noch zu retten ist, muss man sich wohl genauer anschauen, wie so was zustande kommen kann.
Die Linie der Bawag und deren Eigentümer ÖGB heißt ja derzeit:
beschwichtigen, beschwichtigen, beschwichtigen. Alles habe seine Ordnung, der Kredit sei streng nach den Vergabe-Richtlinien gewährt worden, Vorstand und Aufsichtsrat hätten einstimmig zugestimmt. Wozu also die Aufregung um die verbockten zwei bis drei Jahresgewinne der Bank?
Ganz einfach: Gar nichts ist in Ordnung, meine Herren. Die Bawag-Kunden, die (ebenso wie der Eigentümer ÖGB) indirekt ja doch für den Schaden aufkommen müssen, werden sich zu Recht fragen, wie eine Bank, die bei Kleinkrediten (zu Recht) sehr strikt auf die Bonität ihrer Kunden schaut, im Großen so leichtfertig mit Geld um sich werfen kann.
Sie werden sich beispielsweise fragen, ob die Richtlinien, nach denen solche Kredite vergeben werden, halbwegs den Gesetzen wenigstens niedriger Intelligenz folgen: Einen Kredit an den Eigentümer eines Unternehmens mit Aktien eben jenes Unternehmens zu besichern heißt ja, Sicherheiten anzunehmen, die dann, wenn man sie brauchen würde, nichts mehr wert sind. Wenn das eine in der Branche übliche Vorgangsweise ist, dann gute Nacht, Banken. Das Bankgeschäft ist Vertrauenssache. Ein Vorstand und ein Aufsichtsrat, die so fuhrwerken, haben dieses Vertrauen verspielt. Im Interesse der österreichischen Finanzwirtschaft: Die Herren wissen hoffentlich, was sie zu tun haben.

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