"Dienstleistungsgesellschaft steuert auf mehr Flexibilität zu"

Hinterleitner: Es geht nicht nur um flexible Arbeitszeiten, sondern auch um eine Flexibilisierung der Freizeit - Referat auf AK-Tagung zum Thema "Arbeit im Tourismus"

Wien (PWK776) - In den Dienstleistungsbranchen nimmt die Bedeutung vorgegebener Arbeitszeiten ab, an die Stelle der genormten "Normalarbeitszeit" tritt immer häufiger eine flexible Gestaltung. Das Gastgewerbe als klassische Dienstleistungsbranche war und ist hier Vorreiter. Doch geht es heute nicht nur um flexible Arbeitszeiten, sondern auch um eine Flexibilisierung der Freizeit. Die Freizeitgestaltung muss sich nicht notwendigerweise auf die Wochenenden und Feiertage fokussieren. "Ein Umdenken ist dringend notwendig, um einen Zusammenbruch des Gefüges zu verhindern. Man denke nur an die Staus zu den Hauptferienzeiten, an überfüllte Freizeiteinrichtungen etc", sagte der Obmann des Fachverbandes Gastronomie in der Wirtschaftskammer Österreich, Komm.Rat Helmut Hinterleitner, heute, Montag, im Rahmen einer von der AK Wien veranstalteten Tagung zum Thema "Arbeitszeitflexibilisierung und Arbeitsbedingungen in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft".

Gerade die Tourismuswirtschaft fordere eine Entzerrung der Ferien-und Freizeitströme. "Eine Freizeitgestaltung außerhalb des Normschemas bringt eine Reihe von Vorteilen, die zunehmend an Wichtigkeit gewinnen", stellte Hinterleitner fest. Da auch in anderen dienstleistungsorientierten Branchen die Entwicklung in Richtung Flexibilisierung geht, wird der von Kritikern häufig ins Treffen geführte "Nachteil" der Arbeitszeiten in Tourismus damit zusehends kleiner. Letztlich werde es darum gehen, den Begriff der "Normalarbeitszeit" neu zu definieren.

Flexibilisierung wird manchmal als Versuch hingestellt, soziale Standards zu reduzieren. Tatsächlich sind Flexibilisierung und Sozialstandards durchaus vereinbar, betonte Hinterleitner im Rahmen seines Impulsreferates. Voraussetzung ist, dass es gelingt, gegenseitige Skepsis abzubauen und gemeinsam vorzugehen. So gebe es durchaus Beispiele aus anderen Bereichen dafür, dass die Branche durch geschlossenes Auftreten sehr wohl Verbesserungen erreichen kann, wie etwa die Abschaffung der Trinkgeldsteuer oder die Abwehr gesetzlich verordneter Rauchverbote im Gastgewerbe.

In Österreich beträgt der Anteil des Hotel- und Gastgewerbes an der Gesamtbeschäftigung 5,7 Prozent. Damit liegt Österreich im Spitzenfeld. Nur die klassischen tourismusintensiven Länder wie Griechenland (6,5 Prozent) und Spanien (6,7 Prozent) haben einen geringfügig höheren Anteil. Österreichs Tourismus weist bei der Beschäftigung stabile Wachstumsraten zwischen 1,5 und 2,5 Prozent pro Jahr auf. Absoluter bisheriger Höchststand an Beschäftigten (ohne geringfügige Beschäftigungsverhältnisse) war im Juli 2005 mit 181.880. Immerhin rund zwei Drittel dieser Arbeitsplätze sind Ganzjahresstellen. "Dieser Trend wird sich fortsetzen, da es die Gefahr der Abwanderung in Billiglohnländer im Gastgewerbe praktisch nicht gibt. Touristische Dienstleistungen werden immer an Ort und Stelle nachgefragt und können nicht ausgelagert werden", sagte Obmann Hinterleitner.

Diese relative Stabilität der Branche werde von den Mitarbeitern im Gastgewerbe auch als durchaus positv wahrgenommen, erklärte Hinterleitner in Hinblick auf eine aktuelle IFES-Studie zum Arbeitsklimaindex (Sommer 2005). Demnach liegt die Einschätzung der Arbeitsplatzsicherheit im Gastgewerbe mit 69 Indexpunkten um drei Punkte über dem Durchschnitt aller Branchen. Die Einschätzung der Karrierechancen liegt um 7 Punkte, jene der Chancen am Arbeitsmarkt sogar um 8 Punkte über dem Schnitt. Auch der "Innovationsstress" -der Druck, sich ständig an neue Gegebenheiten im Unternehmen anpassen zu müssen - ist deutlich geringer als in allen anderen Branchen. Die Tatsache, dass in Österreich mittlerweile rund 2.000 bis 3.000 Saisonmitarbeiter aus Deutschland arbeiten, zeigt, dass die Branche auch im europäischen Umfeld als attraktiv eingeschätzt wird.

Beim Anteil der Teilzeitbeschäftigung liegt Österreich um einiges unter dem EU-Durchschnitt. "Bei uns sind 23 Prozent teilzeitbeschäftigt, in den Niederlanden 67 Prozent. Das zeigt, dass der Anteil von Vollzeitarbeitsplätzen in Österreich vergleichsweise hoch ist, wir andererseits aber noch Potenzial für zusätzliche Teilzeitstellen hätten, wenn dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen - steuerlich bzw. kollektivvertraglich - geschaffen werden", sagte der Sprecher der heimischen Gastronomie.

Das Gastgewerbe ist eine typische Eintrittsbranche für Arbeitskräfte, die erstmals am Arbeitsmarkt teilnehmen. Dadurch ist auch die Fluktuation höher als in anderen Branchen (1,7fache des Durchschnitts). Festzuhalten ist allerdings, so Hinterleitner, dass gerade junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit eines Wechsels durchaus positiv sehen. Die stärkste Fluktuation gibt es in der Altersgruppe der unter 20jährigen bzw. der 25 bis 44jährigen. Man müsse sich gemeinsam Gedanken machen, wie man - vor allem junge -Mitarbeiter noch besser an die Branche binden kann, schloss Hinterleitner. (hp)

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