"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eine globalisierte Welt kann dem Virus die Flügel stutzen" (von Martin Link)

Ausgabe vom 15.10.2005

Graz (OTS) - Wer hat Recht? Sind es jene Experten, für die die Vogelgrippe eine seit 100 Jahren bekannte Tierseuche mit geringem Potenzial ist, um eine weltumspannende Epidemie auszulösen? Oder liegen vielmehr jene richtig, die die seit Jahren erwartete Influenza-Pandemie nun gekommen sehen, ausgelöst durch ein hoch potentes und gefährliches Killervirus, das Millionen Menschen dahinraffen werde?

Im Moment vermag dies verlässlich niemand zu beantworten, nicht die professionellen Posaunisten im Panik-Orchester, nicht die hektischen Politiker auf allen Ebenen - und auch nicht die Phalanx an Experten, die einen reichlich disharmonischen Chor intoniert und sich uneins darüber zeigt, wie gefährlich das Virus sein könnte.

Vorsicht und Vorsorge sind dennoch allemal geboten: Ein Bürger darf erwarten, dass sich der Staat rüstet, um im Fall des Falles - wie unwahrscheinlich das Eintreten letztlich auch sein mag - die Menschen zu schützen, so gut dies mit den medizinischen Möglichkeiten in entwickelten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts möglich ist.

Eine Risikoanalyse rechtfertigt jedenfalls Panik nicht. Denn vorerst, so weit reicht der Konsens der Fachleute, handelt es sich um eine Tierkrankheit, die in einigen Fällen auf den Menschen übertragen wurde. Weder ist die Übertragung von Mensch zu Mensch geschehen noch ein neuer Superkiller aus der genetischen Verschränkung von Tier- und Menschen-Erreger entstanden. Und dies, obwohl die Vogelgrippe immerhin seit langem existiert.

Gesunde Wachsamkeit, nicht kranker Alarmismus ist das Gebot der Stunde: Anders als die Geißeln vergangener Jahrhunderte, wie die Schwarze Pest, die 1348 Europas Bevölkerung halbierte, und die "Spanische Grippe", die 1918/1919 eine kriegsgeschädigte Gesellschaft dahinsterben ließ, ist die Welt heute vernetzt. Hier kann die Globalisierung auch ihr Gutes haben, um der Verbreitung des Erregers Einhalt zu gebieten, die Schutzmaßnahmen binnen kurzer Zeit abzugleichen und weltweit koordiniert gegen die Erkrankung vorzugehen.

Der Mensch ist heute den schicksalshaften Launen der Natur keineswegs schutzlos ausgeliefert. So müssen die Schreckensvisionen nicht Wirklichkeit werden, wo Menschen mit Masken durch geleerte Städte irren, Polizei die Apotheken bewacht und Bauern Millionen Hühnerkadaver verbrennen müssen. Dieses Szenario kann das Drehbuch für einen vermutlich schlechten Horrorfilm bleiben, wenn man sich schützt - ganz ohne jede Panik. ****

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