"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Land im Aufbruch?" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 15. Oktober 2005

Innsbruck (OTS) - Zuversicht und ein Lächeln im Hinterkopf allein bewirken noch nicht viel. Sie können auf dem Weg zum Erfolg aber wichtig sein. Die Woche des Starts der großen Koalition in Deutschland signalisierte stimmungsmäßig noch keine Entwarnung. Mag auch in Frankreich und Italien der Reformbedarf noch erheblich größer sein, unsere Nachbarn haben ihre Krise schon mit jeder Faser verinnerlicht.

Da werden sich Union und SPD aus vertracktester Situation relativ rasch über eine Koalition einig, die hängenden Mundwinkel bleiben. Grundsatzeinigung nach drei Wochen. In jedem anderen Land hätte sich die Spitzengarnitur danach mit strahlendem Lächeln präsentiert und mit Rekordtempo geprahlt.

In Deutschland war es fast schon ein Akt journalistischer Erpressung, der der künftigen Kanzlerin mit ihrem Lebensziel in Greifweite den Satz entrang: "Es geht mir gut." Für den SPD-Partner beharrte Franz Müntefering in bekannt schnarrendem Ton darauf, "es liegt noch viel Arbeit vor uns". Dass bei fünf Millionen Arbeitslosen, Überalterung, maroden Sozialsystemen und gigantischer Budgetlücke morgen das große Berliner Fest unter dem Ehrenschutz von Union und SPD beginnt, hatte wohl niemand erwartet.

Noch war das Erreichte nicht in Buchstaben gegossen, kreisten bereits die ersten grimmigen Zweifel um Künftiges. CSU-Chef Stoiber und prominente Genossen fabulierten über die doch engen Grenzen der Kanzler-Richtlinienkompetenz in einer großen Koalition. Von Stund an ging der Eil-Befund des wahrscheinlich machtlosesten Regierungschefs durch die Republik. Ganz nebenbei begann Stoiber dann seine packenden Schilderungen der Spitzengespräche mit den Worten: "Herr Müntefering und ich, und natürlich Frau Merkel." Deutsche Politik auf dem Weg der Besserung?

Fast verdrängt im Tunnelblick auf Schwieriges: Merkels optimistischer Ansatz zu einer "Koalition der neuen Möglichkeiten". Nur beiläufig wahrgenommen, wie elegant Gerhard Schröder doch noch von der hartnäckig verteidigten Kanzlerpalme herabkletterte. Wieder scheint er seiner Partei um wesentliche Schritte voraus - bei voller Unterstützung für die neue Koalition. Nach Lage der Dinge wird der oft arrogante Macher bis zum Parteitag im November in einer neuen Rolle glänzen: als SPD-Integrationsfigur. Deutschland im Aufbruch, wenn es nur von oben nach unten auch so wahrgenommen wird.

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