WirtschaftsBlatt Kommentar vom 15.10.2005: Kursminus als Realitätsgewinn nutzen - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Der Kopf warnt ohnehin, aber der Bauch ignoriert es gerne. Ist der Bauch durchsetzungsfähiger als das Hirn, hat das zur Folge, dass die Füsse vom Boden abheben. Nein, die Rede ist nicht vom Reiz des Bungee-Jumpings oder den unangenehmen Folgen ungebremsten Alkoholkonsums, sondern vom Geldanlegen an der Börse. Jeder weiss, dass Aktienkurse nicht immer nur steigen können. Und jeder reibt sich verwundert die Augen, wenn sie - wie jetzt - nach monatelangen Kurszuwächsen dann wirklich fallen.
Zur Panik besteht kein Anlass. Der Wiener Börse-Index ATX hat sich in den vergangenen drei Jahren verdreifacht, kleine Rückgänge sind da kein Drama. Das Kursminus sollte allerdings Anlass sein zu mehr Realismus. Die Börse ist keine Einbahnstrasse, es gibt auch Gegenverkehr. Renditen von acht, zehn oder 15 Prozent sind ohne Risiko nicht zu haben. Sich diese banalen Wahrheiten wieder einmal zu vergegenwärtigen, dazu ist jetzt eine gute Gelegenheit.
Analysten sehen in den aktuellen Kursrückgängen keine Trendwende, sondern günstige Kaufgelegenheiten. Das ist beruhigend, wenngleich die Einschätzung von berufsmässigen Optimisten kommt, also nur die halbe Wahrheit ist. Wer also seine Kursverluste in Realitätsgewinne ummünzen möchte, sollte sich auch mit der anderen Hälfte beschäftigen.
Fakt ist, dass die Volatilität an den Börsen steigt. Gedämpfte Konjunkturaussichten, Terroranschläge in London, Hurrikan-katastrophen in den USA, immer neue Ölpreis-Rekorde -monatelang haben sich die Börsen von negativen Meldungen unbeeindruckt gezeigt. Doch jetzt plötzlich ist sie wieder da, die Unsicherheit an den Märkten. Noch nie ist jemand arm geworden, weil er Kursgewinne mitgenommen hat, denken sich immer mehr Anleger.
Für die Wiener Börse haben die vergangenen Tage noch eine andere Lehre. "Tiefschlag im Osten, auch Wien hängt in den Seilen", lautete der Titel des gestrigen Börseberichtes im WirtschaftsBlatt. Tatsächlich rutschten die Kurse in Budapest, Prag und Warschau nach unten und rissen Wien mit. Erstmals wurde damit offensichtlich, dass die Osteuropa-Fantasie von OMV, Erste Bank, Raiffeisen International und Co. auch eine Kehrseite hat: Die Wiener Börse hat nicht nur spektakulär von Osteuropa profitiert, ihre Zukunft hängt auch wesentlich davon ab, wie die wirtschaftliche Entwicklung im Osten weitergeht. Wer das erkannt hat, gehört zu den Gewinnern der vergangenen Tage, trotz Kursverlusten.

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