"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Wachstumsstörung der Grünen und ihre Ursachen" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 12.10.2005

Graz (OTS) - Vielleicht liegt darin das größte Problem der Grünen:
Sie sind im Habitus so gewöhnlich geworden, dass sie sich von den Alten kaum noch unterscheiden. Und wenn es noch eines Beweises für die Assimilierung bedurft hätte, dann erbrachte ihn die Partei durch die Art, wie sie die Flops in der Steiermark und im Burgenland zurecht schminkte.

Sie bekam eine von links und eine von rechts, wurde erst von der KPÖ überholt, dann von der maroden FPÖ - und was sagten die Grünen zur Doppel-Tachtel? "Stabilisierung auf hohem Niveau". Da können die Schönredner von den Altparteien noch was lernen!

Wahr ist: Die grüne Bewegung stagniert als Kleinpartei. Sie kommt über ihre zu engen Soziotope, den Campus und die Städte, nicht hinaus, tut auch wenig dafür. Lieber bleibt sie eine X-large-ÖH, die für kostenloses Studieren wirbt und nicht fragt, wie das ankommt bei jungen Facharbeitern, die ihren Wifi-Kurs selbst zahlen.

Einer der Hauptgründe für die grüne Wachstumsstörung liegt im Eros-Verlust. Die Grünen waren eine junge, freche, ironische Partei, sie war unkonventionell im Denken und in der Art, wie sie Politik kommunizierte. Sie polarisierte und emotionalisierte. Das tut sie heute nicht mehr. Sie gewinnt Bambi-Preise, aber nicht die Wahlen. Sie ist wachsam gegen Feinstaub und genmanipulierten Mais, aber das sind andere auch. Zum Appeal-Verlust kam der Verlust der Exklusivität.

Eine Erweiterung ihrer Themenkompetenz ist den Grünen nur mangelhaft geglückt. Johannes Voggenhuber hat Recht: In einer Zeit der Umbrüche sind die Grünen bislang profunde Antworten auf Zukunftsfragen schuldig geblieben, etwa: wie eine sozial abgefederte Marktwirtschaft finanzierbar bleibt. Die Grünen haben einen Wirtschaftsprofessor, wo bleiben seine Entwürfe?

Van der Bellens abwägendes Räsonieren ist sympathisch, weil er sich dem automatisierten Reden verweigert, aber sein Anderssein verbraucht sich. Es verharrt im Vagen, im Ach-ja-meinen-Sie. Und die anderen? Welken im Halbschatten. Karl Öllinger ist abgetaucht, Peter Pilz sitzt laut Selbstauskunft auf einer Alm und denkt, und Eva Glawischnig laboriert noch an den Folgen ihres Ausfluges auf die Gesellschaftsseiten.

In einem ist die Partei konkret. Sie will die Teilhabe an der Macht. Mit wem, sagt sie nicht, also hält sie neutralen Abstand zu SPÖ wie ÖVP und meidet Unverträglichkeiten. Sie ist in Opposition und regiert im Kopf bereits mit. Die Folge ist Konturenlosigkeit und eine Braut, die sich nichts traut. Sie muss zusehen, dass sie nicht übrig bleibt.****

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